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Engels an Hermann Schlüter
in New York

London, 11. Jan. 90

Lieber Schlüter,

Herzlichen Dank für Deine und Deiner Frau freundliche Wünsche, die wir alle hier aufrichtigst erwidern. Deinen Brief vom 1. Juli habe ich auch s. Z. erhalten und ebenso den „Commonwealth“ mit dem Riesenbaum Marx und den Bewohnern des neuen, kommunistischen Jerusalems darum. Auch Artikel über G. Weerth, aber nur Nr. 1, den Schluß leider nicht.

Was nun den Reid angeht, so habe ich Deinen Brief an Tussy geschickt und durch sie bei Champion („Labour Elector“) anfragen lassen, bin bis heute aber noch ohne Antwort. Die Leute hier sind in allem, was sie nicht ganz unmittelbar interessiert, furchtbar bummlig und haben dabei alle Hände voll zu tun, es ist möglich, daß ich morgen von Tussy etwas erfahre, und dann folgt's per nächste Post.

Die Geschichte mit John Burns' Reise nach dort scheint mir sehr zweifelhaft, er kann hier schwerlich fort, ohne Raum zu machen für Konkurrenten, und muß auch auf dem County Council gegenwärtig sein, da er allein dort die Arbeiter vertritt.

Der stürmische Strom der Bewegung vom vorigen Sommer hat sich etwas gestaut. Und was das beste ist, die gedankenlose Sympathie des Bürgerpacks für die Arbeiterbewegung, wie sie beim Dockerstreik ausbrach, hat sich auch gelegt und fängt an, dem weit natürlicheren Gefühl des Mißtrauens und der Beängstigung Platz zu machen. Beim Gasstrike in Südlondon, der den Arbeitern von der Gas Company gewaltsam aufgezwungen wurde, stehn die Arbeiter wieder ganz von allen Spießbürgern verlassen da. Es ist dies sehr gut, und ich wünsche nur, daß Burns selbst einmal diese Erfahrung durchmacht an einem von ihm selbst geleiteten Strike, er macht sich da allerhand Illusionen.

Dabei gibt's allerhand Reibungen, z. B. zwischen Gasarbeitern und Dockern, wie das nicht anders zu erwarten. Aber die Massen sind trotz alledem im Fluß, und da ist kein Halten mehr. Je länger die Stauung, desto gewaltsamer wird der Durchbruch sein, wenn er kommt. Und diese Unskilled1 sind ganz andre Kerls als die Zopfbinder von den alten Trades Unions; keine Spur von dem alten Zopfgeist, von der Zünftlerei z. B. der Engineers, im Gegenteil, allgemeiner Ruf nach Organisation aller Trades Unions zu einer Verbrüderung und zum direkten Kampf gegen das Kapital. Z. B. beim Dockerstrike waren bei den Commercial Docks drei Engineers, die die Dampfmaschine im Gang hielten. Burns und Mann wurden aufgefordert – beide sind selbst Engineers und Burns auf der Exekutive der Amalgamated Engineers Trades Unions –, die Leute zum Fortgehn zu bewegen, dann könne kein Kranen arbeiten und die Dock Co. müsse klein beigeben. Die drei Engineers weigerten sich, die Exekutive der Engineers schritt nicht ein, und daher die Länge des Strikes! Ferner, in Silvertown Rubber Works – 12 Wochen Strike – scheiterte der Strike an den Engineers, die nicht mitmachten und selbst gegen ihre Union-Regeln Labourers' work2 taten! Und weshalb? Diese Narren, um „die Zufuhr von Arbeitern kurz zu halten“, haben das Gesetz, daß nur, die eine regelrechte Lehrzeit durchgemacht, in ihrer Union zugelassen werden. Dadurch haben sie sich eine Armee von Konkurrenten geschaffen, sog. black legs3, die ebenso geschickt sind wie sie selbst, die gern in die Union einträten, aber gezwungen sind, black legs zu bleiben, weil sie wegen dieser Pedanterie, die heute gar keinen Sinn hat, draußen stehn müssen. Und weil sie wissen, daß in den Commercial Docks wie in Silvertown diese black legs sofort an ihre Stelle getreten wären, deshalb blieben sie da und wurden so selbst black legs gegenüber den Strikenden. Da siehst Du den Unterschied: die neuen Unions halten zusammen, beim jetzigen Gasstrike stehn Sailors und (Steamers') fremen, Lightermen, Coal Carters4 etc. alle zusammen, natürlich die Engineers wieder nicht; die arbeiten fort!

Indes werden diese alten rennomistischen großen Trades Unions doch bald kleingekriegt werden, ihre Hauptstütze, der London Trades Council, wird mehr und mehr durch die neuen untergekriegt, und in 2–3 Jahren längstens ist auch der Trades Union Congress revolutioniert. Schon beim nächsten erleben die Broadhursts ihr blaues Wunder.

Daß Ihr den Rosenberg und Co. abgemurkst habt, ist bei Eurer Revolution im amerikanisch-sozialistischen Teekessel die Hauptsache. Die deutsche Partei drüben, als solche, muß kaputtgehn, sie wird das schlimmste Hindernis, die amerikanischen Arbeiter kommen schon, aber sie gehn ganz wie die Engländer ihren eignen Weg. Man kann ihnen die Theorie nicht von vornherein einpauken, aber ihre eigne Erfahrung und ihre eignen Böcke und die schlimmen Folgen daraus werden sie schon mit der Nase auf die Theorie stoßen – und dann all right. Selbständige Völker gehn ihren eignen Weg, und von allen sind die Engländer und ihre Sprößlinge doch die selbständigsten. Der insulanermäßige, bockbeinige Starrsinn ärgert einen oft genug, aber er garantiert auch die Durchführung des Angefangnen, wenn's einmal losgeht.

Mir geht's im ganzen recht wohl, meine Augen sind endlich besser, aber mehr als 3 Stunden (bei Tageslicht) darf ich doch nicht schreiben per Tag. Nim ebenfalls wohl. Bei Roshers erst Percy krank, dann Pumps. Aveling hat die Influenza. In Kentish Town geht alles den gewohnten Gang, mit obligaten Rüffeln aus Deutschland. – Edes haben sich recht eingewöhnt, Fischers auch.

Sage Sorge, er bekommt einen Brief dieser Tage, aber Du hast so lange gewartet, da warst Du zuerst an der Reihe. Herzliche Grüße an Deine Frau und Dich selbst von Nim und

Deinem
F. Engels