161
Engels an Hermann Engels
in Engelskirchen

London, 9. Jan. 90

Lieber Hermann,

Herzlichen Dank für Deine Glückwünsche, die ich, für Euch alle, aufrichtigst erwidre. Es freut mich, zu erfahren, daß es Euch allen so wohl geht, und auch ich kann nicht klagen. Ich habe im letzten Jahr wieder an Gewicht zugenommen und wiege jetzt wieder 168℔ englisch, was so ziemlich mein Maximum je gewesen ist, dabei ist es alles gesundes festes Muskelfleisch, kein loser Fettschwamm. Auch meine Augen bessern sich, gewöhnlich war die Nebelzeit um die kürzesten Tage die kritische Periode, wo ich immer wieder schlimmer wurde, diesmal bin ich über diese Zeit besser davongekommen als seit Jahren, und so darf ich wohl hoffen, daß ich bald wieder die volle Zeit arbeiten darf. Selbst die Ärzte wollen mir nicht glauben, wenn ich ihnen sage, daß ich im siebenzigsten Jahr bin, sie behaupten, ich sähe zehn bis fünfzehn Jahre jünger aus. Freilich ist das alles nur die Oberfläche, und die ist trügerisch, auch bei mir, denn darunter verstecken sich doch allerlei kleine Mankements, und die vielen kleinen machen auf die Dauer einen passabel großen Haufen, aber alles in allem kann ich nicht klagen, und wenn ich seh', wie so viele Leute sich um nichts und wieder nichts das Leben sauer machen, rein ohne allen Grund und bloß für die Katze, so schätze ich mich immer noch glücklich, daß ich meine heitre Stimmung ungetrübt bewahrt habe und über all das dumme Zeug lachen kann.

Damit hast Du aber wahrscheinlich auf lange Zeit genug über meine werte Person gehört, und ich glaube auch, es ist hohe Zeit, daß ich davon aufhöre.

Das Zirkular wegen der Jungen habe ich richtig erhalten und sofort aufs Wohlsein der neuen Associés einen tüchtigen Salamander mutterseelenallein gerieben. Es ist sehr vernünftig von Euch, die Jungens zu Associés gemacht zu haben, sie hatten doch die Hauptarbeit und auch, sobald keiner von Euch in Engelskirchen war, die Hauptverantwortlichkeit, und da gibt's ihnen ganz andern Trieb zum Arbeiten, wenn ihre äußere Stellung im Geschäft dem auch entspricht.

Jetzt rate ich Dir und Rudolf1, die wohlerworbne Muße zu möglichst viel Bewegung in freier Luft und im Sommer zum Reisen zu benutzen (die Jagd im Herbst werdet Ihr wohl so nicht vergessen), da sollt Ihr mal sehn, wie Euch das auf die Strümpfe bringt.

Daß Fritz Boelling, wollte sagen August B[oelling] gestorben, habe ich durch Zirkular erfahren, ich glaube auch wegen Fritz Osterroth. Der August B[oelling] war doch ein ziemlich schwächliches Kerlchen und hat es doch bis 80 gebracht, hat wohl auch in der letzten Zeit sich nicht viel mehr erlauben dürfen. Das bringen diese Leute auch fertig, wir gesünderen gehn auch auf unsre alten Tage noch mehr ins Geschirr, fangen irgendeine Lumperei ab und gehn darüber in die Brüche. Ist auch schon ganz gut und hat ebenfalls seine Vorzüge. Jedenfalls hast Du den Vorteil, in 2 bis 3 Jahren Dir Deinen eignen Doktor2 gezüchtet zu haben, und da kannst Du Deinen Körper unter dessen Verwaltung stellen und bist dann auch nach der Seite hin aller Verantwortlichkeit enthoben.

Hoffentlich bekommt Emma3 der genossene Neujahrsplatz so gut wie mir die vielen deutschen Kuchen, die ich seit 3 Wochen verzehrt habe, außer, über und neben dem zwangsmäßigen Plumpudding, mince pies4 etc. Wir haben nämlich jetzt einen Gasofen, da unser Vernäß nicht mehr zieht und der Landlord5 kein neues aufgestellt hat, und dieser Übergang vom schweren zum leichten Kochen hat meine alte Haushälterin6 in eine wahre Kuchenbegeisterung versetzt, die ich nun ausessen muß.

Die sog. Influenza, die aber eigentlich ganz was andres sein soll als unsre alte wohlbekannte Grippe, greift jetzt auch hier um sich, mehrere meiner Bekannten haben sie schon. Vorigen Sonntag aß ein Engländer bei mir, der vor lauter Angst immer eine Flasche Chinin mit Ammoniak in der Tasche trägt und bei Tisch davon trank! Wohl bekomm's ihm, aber lieber hab' ich die Grippe, als daß ich zwischen Fleisch und Gemüs' das bitre, stinkige Zeug saufe und mir den guten Wein verderbe!

Also, haltet Euch alle wohl und munter.

Herzliche Grüße an Emma, die Kinder, Rudolfs und Dich selbst.

Dein alter
Friedrich