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Engels an Laura Lafargue
in Le Perreux

London, 8. Jan. 90

Meine liebe Laura,

Prosit Neujahr1 avant tout2! Et puis après3, da ich den Gedanken nicht ertragen kann, daß Du Walther von der Vogelweide nach einer modernen Fassung übersetzen sollst, schicke ich Dir eine Abschrift des Originals. Du hast ganz recht, das Metrum und der Reim des Originals sollte in jeder Übersetzung poetischer Werke erhalten bleiben, oder man macht wie bei den Franzosen ganze Arbeit und setzt alles gleich in Prosa.

Hoffe, daß Du unterdessen Deine Influenza überstanden hast. Wir haben sie hier auch und ziemlich stark, obwohl es niemanden aus unserem engeren Kreis bisher erwischt hat. Percy geht es besser, aber Pumps liegt mit Bronchitis und einer Lungenstauung, sie wird jedoch bald aufstehen. Charley R[oesgen] ist der einzige meiner Bekannten, der sich einer Influenza rühmen kann.

Der alte Harney ist in Enfield bettlägerig mit einer chronischen Bronchitis; ich werde wohl in dieser Woche an einem Tage hingehen müssen, um ihn zu besuchen. Armer Kerl, doch über eines ist er glücklich: von Amerika fort zu sein! Es ist überaus amüsant festzustellen, wie Amerika alle Engländer zu Patrioten macht, selbst Edward war davon nicht unberührt. Und alles wegen eines Streits über „Benehmen" und „Bildung"! Die Yankees haben aber auch eine ziemlich herausfordernde Art zu fragen, wie einem ihr Land gefalle und was man davon halte, und sie erwarten natürlich einen Ausbruch der Bewunderung. Und so hat der arme alte Harney einen solchen Widerwillen gegen das „Land der Freiheit", daß es jetzt sein einziger Wunsch ist, in der „abgenutzten Monarchie" geborgen zu sein und niemals nach Yankeeland zurückzukehren. Ich fürchte, sein Wunsch wird sich erfüllen; körperlich altert er sehr, kein Wunder nach den acht Jahren ausgestandener Tortur mit rheumatischer Gicht. Doch geistig ist er der alte boshafte Witzbold und voller Humor.

Als Pauls Brief über die neue Zeitung eintraf, war ich froh, daß ich Bonnier meine Auffassung mitgeteilt hatte, sie sollten für die rédaction des deutschen Teils in aller Form Dich engagieren. Daraus wird er ersehen, daß ich keine Ahnung von der Lage hatte und es dennoch als selbstverständlich betrachtete, daß jeder bezahlt wird. Er hat an mich nicht wieder geschrieben, sondern an Tussy, wobei er mitteilte, daß die Zeitung am 11. Januar herauskäme. Und er forderte sie zum Schreiben auf und bat sie, Burns usw. zu veranlassen, dasselbe zu tun.

Ich glaube wirklich, Du bist so ungefähr der einzige, der in Paris seinen Kopf über Wasser und klarhalten kann; dieser Ort scheint die Leute verrückt zu machen. Da ist Bonnier, der, solange er hier war, vernünftig genug war und jetzt auf einmal wegen dieser unmöglichen Zeitung so versessen ist wie Guesde. Eine Tageszeitung mit einer unbezahlten Redaktion, unbezahlten Korrespondenten, alles unbezahlt – das bedeutet von Anfang an den Ruin und heißt, hinausgeworfen zu werden aus der Zeitung, die man gemacht hat, sobald man für seine geleistete Arbeit die angemessene Bezahlung fordert! Da kann er wohl an mich schreiben, que la partie internationale doit être écrasante4 – wo die partie parisienne5 von Anfang an so gut wie nicht existent ist! Und von irgend jemand hier zu erwarten, daß er laufend à jour fixe6 Artikel schreibe, so daß diese Tatsache la veille7 angekündigt werden kann! Denn das hat er tatsächlich von uns allen erwartet, von Burns und Gott weiß wem noch, und alles für die Ehre, die Ehre an sich, zu den Einwohnern der ville lumière8 sprechen zu dürfen, qui se fichent pas mal de nous tous9!

Mir scheint, diese Angelegenheit wird mit allen möglichen Verwicklungen enden, wenn nicht gar mit Streitigkeiten zwischen unseren eigenen Leuten in dem Augenblick, wo alles gut zu werden versprach.

Jedenfalls wäre ich Dir sehr dankbar, und es wäre für uns alle nützlich, wenn Du oder Paul uns in dieser Sache stets auf dem laufenden haltet; denn wir werden sicherlich mit allen möglichen Forderungen bombardiert werden, wenn die Zeitung erst einmal erscheint, und die Erfahrung beweist, daß „im Interesse der Sache" uns die Hälfte der Fakten vorenthalten werden. Natürlich werden wir uns nur sehr vorsichtig engagieren, doch es wird gleichzeitig besser sein, wenn wir nicht erst in jedem Fall bei Euch anfragen müssen, wie die Dinge wirklich stehen.

Ich verstehe nicht, wie Guesde so auf eigene Rechnung handeln und seine südländische Einbildungskraft so mit sich durchgehen lassen kann, ohne die Zustimmung von Paul, Deville und anderen. Bonniers Briefe klingen, als ob diese Leute dächten, die ganze Welt gehe müßig und habe mehr Zeit zur Verfügung, als sie auszufüllen wisse, und sie warte begierig auf die Gelegenheit, daß eine französische Zeitung herauskommt, der sie gratis Beiträge liefern darf! Solche Dinge würden in der deutschen oder irgendeiner anderen Partei nicht geduldet – daß einer ohne besonderen Auftrag die Verantwortung aller auf sich nimmt; daß er, hinsichtlich der Chance, ausländische Mitarbeiter zu bekommen, sich von Illusionen leiten läßt, die Du und Paul sofort hättet zunichte machen können; der selbst dann, wenn Ihr die Gelegenheit hättet, sie zu widerlegen, entgegen Eurer größeren Erfahrung handeln würde. In der Tat, wenn sich unsere Freunde nur von ihren Illusionen und Phantasien leiten lassen, kann sie niemand daran hindern, ins Unglück zu rennen.

Ich werde plötzlich fortgerufen und muß schließen.

Immer Dein
F. Engels

Under der linden
an der heide,
dâ unser zweier bette was,
dâ muget10 ir vinden
schône beide
gebrochen bluomen unde gras.
vor dem walde in einem tal,
tandaradei,
schône sanc diu nahtegal.

Ich kam gegangen
zuo der ouwe:
dô was mîn friedel komen ê.
11 wart ich empfangen,
hêre frouwe,
daz ich bin sælic iemer mê.
kuster mich? wol tûsentstunt:
tandaradei,
seht wie rôt mir ist der munt.12

Dô het er gemachet
alsô rîche
von bluomen eine bettestat:
des wirt noch gelachet
inneclîche,
kunt iemen an daz selbe pfat.
bî den rôsen er wol mac,
tandaradei,
merken wâ mirz houbet lac.

Daz er bî mir læge13,
wessez iemen
*(nu enwelle got!), sô schamt ich mich.
wes er mit mir pflæge,
niemer niemen
bevinde daz, wan er unt ich,
unt ein kleinez vogellîn –
tandaradei,
daz mac wol getriuwe sîn.

* enwelle = wolle nicht.

Aussprache:
ie, iu, uo, die Betonung auf dem ersten Vokal: fé, fu, úo. ei = ei in portugiesisch, italienisch, dänisch, russisch usw. e + i, nicht a + i wie im Neuhochdeutschen.
sch = s + ch genau wie im Holländischen und Griechischen.
h am Ende der Silbe oder vor einem Konsonanten = schweizerisch ch, nahtegal, seht = nachtegal, secht.
z = ts, 3 = ss.
Vokale mit Zirkumflex lang, alle anderen kurz: tal, nicht tâl, schamt, nicht schâmt.
Diphthonge natürlich lang.

Aus dem Englischen.