London, 24. Dez. 1889
Liebe Frau Liebknecht,
Vor allem meinen herzlichen Dank für Ihre und Ihres Herrn Sohnes1 freundliche Glückwünsche zu meinem letzten Geburtstag, den wir sehr fidel verlebt haben, wir mußten bis nach 12 Uhr zusammenbleiben, um zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen zu können, denn den nächsten Tag ist Avelings Geburtstag, und da haben wir den gleich mitgefeiert.
Es hat uns gefreut zu hören, daß Sie sich alle im besten Wohlsein befinden, uns geht's auch im ganzen recht gut, Nimmi hat einige starke Erkältungen durchzumachen gehabt und alle die rheumatischen Attacken, indes das ist nun einmal beim Klima hier nicht ganz zu vermeiden, und wenn's nicht gar so schlimm wird, beklagt man sich nicht darüber.
Bei Roshers ist auch alles wohl, nur hat Papa Percy vorigen Sonntag sich eine starke Erkältung geholt, die fast in Lungenentzündung ausgeartet wäre, es geht aber besser, freilich ist ihm ein dicker Strich durch die Weihnachtsfreude gemacht, und er wird morgen das Haus nicht verlassen dürfen. Pumps hat dabei augenblicklich kein Mädchen, das letzte ist ihr vor 14 Tagen, als sie mit den Kindern aus war, auf- und davongelaufen, und als Pumps zurückkam, war das Haus leer und verschlossen, und da sie keinen Schlüssel in der Tasche hatte, mußte die Gesellschaft zu mir kommen und auf Percy warten; solange konnten sie nicht hinein. Sie sehn, auch hier kommen allerhand petites misères2 vor.
Morgen abend werden wir eine große Gesellschaft hierhaben, wenn Pumps und die Kinder kommen können; außerdem kommen Mottelers, Fischers und Bernsteins, natürlich auch Avelings, und dann ist Schorlemmer seit gestern hier. Wir haben gerade so viel, als wir mit genauer Not setzen können, Nimmi ist schon jetzt am Kochen und Backen – die Plumpuddings sind bereits vor 8 Tagen fertiggemacht. Das ist eine entsetzliche Mühe, und alles bloß, um sich eine Unverdaulichkeit zuzuziehn! Aber so will's die Sitte, und man macht's mit, lustig wird's doch, wenn auch der Kater am zweiten Feiertag nachhinkt.
Tussy ist seit dem Dockstrike, wo sie Tag und Nacht auf dem Comité arbeitete – die eigentliche, ausführende Arbeit wurde von 3 Frauen getan –, bis über die Ohren in der Strikebewegung. Gleichzeitig mit dem Dockstrike entbrannte ein kleiner Strike in Silvertown, am äußersten Ostende, etwa 3000 Leute, da war sie mittendrin, organisierte einen Fachverein von Mädchen, mußte jeden Morgen hinaus – aber nach 12 Wochen endete der Strike mit einer Niederlage. Jetzt ist sie mit im Gas-Strike auf der Südseite tätig, sprach Sonntagmorgen im Hyde-Park, aber das ist doch weniger anstrengend, und sie hat mehr Zeit. Sie und Aveling besorgen die Unterredaktion einer Monatsschrift3, die E. B. Bax vom 1. Jan. übernommen hat, da gibt's auch Arbeit genug. Dabei ist sie Sekretärin von zwei weiblichen Fachvereinen.
Gestern erhielt ich auch einen Brief von Liebk[necht], wofür Sie ihm gefl. in meinem Namen danken wollen. Er ist ja wohl morgen bei Ihnen. Wir warten hier mit Schmerzen auf das Urteil im Elberfelder Prozeß, mein letzter Rest von Vertrauen auf preußische Richter ist längst dahin, wenn nur Bebel nicht mit verdonnert wird.
Die Pariser, scheint es, bekommen wieder einmal ein tägliches Blatt – aber ich bin so oft von diesen Hoffnungen getäuscht worden, daß ich nicht recht dran glaube, bis ich's sehe. Unsre französische Fraktion, acht Mann4, macht sich gar nicht schlecht bis jetzt und zeigt merkwürdige Disziplin, wenn man bedenkt, daß die Leute aus allen Teilen Frankreichs zusammenkommen und die meisten einander unbekannt sind.
Und nun, liebe Frau Liebknecht, wünsche ich Ihnen recht vergnügte Feiertage und ein glückliches neues Jahr, Ihnen, Liebknecht, Theodor und allen andern Kindern, Frau Geiser nicht zu vergessen. Von Schlüters hatte ich gestern einen Brief, es scheint ihnen so ziemlich gut zu gehn.
Mit herzlichen Grüßen von Nimmi, Roshers und mir
Ihr aufrichtiger
F. Engels