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Engels an Friedrich Adolph Sorge
in Hoboken

London, 7.Dez. 89

Lieber Sorge,

Briefe vom 8. und 29.Okt. dankend erhalten.

So gut wird's nicht, daß die „Sozialistische Arbeiter-Partei“ liquidiert. Außer Schewitsch hat Rosenberg noch eine Masse andre Erben, und die eingebildeten doktrinären Deutschen dort haben sicher keine Lust, ihre angemaßte Lehrerstelle bei den „unreifen“ Amerikanern aufzugeben. Sie wären sonst gar nichts.

Daß eine große Nation nicht so einfach doktrinär und dogmatisch einzupauken ist, selbst wenn man die beste Theorie hat, die aus ihren eignen Lebensverhältnissen herausgewachsen und relativ beßre Einpauker als die Sozialistische Arbeiter-Partei hat – das zeigt sich hier. Die Bewegung ist jetzt endlich im Gang, und wie ich glaube, for good1. Aber nicht direkt sozialistisch, und diejenigen Leute, die unter den Engländern unsre Theorie am besten verstanden, stehn außer ihr: Hyndman, weil er ein unverbesserlicher Intrigant und Neidhart, Bax, weil er ein Stubengelehrter. Die Bewegung ist formell zunächst Trades-Unions-Bewegung, aber total verschieden von der der alten Trades Unions, der skilled labourers2, der Arbeiteraristokratie. Die Leute gehn jetzt ganz anders ins Geschirr, führen weit kolossalere Massen ins Gefecht, erschüttern die Gesellschaft weit tiefer, stellen viel weitergehende Forderungen: 8-Stunden-Tag, allgemeine Föderation aller Organisationen, komplette Solidarität. Die Gas Workers' and General Labourers' Union hat durch Tussy zum erstenmal womens branches3 erhalten. Dabei sehn die Leute ihre momentanen Forderungen selbst nur als provisorisch an, obwohl sie selbst noch nicht wissen, auf welches Endziel sie hinarbeiten. Aber diese dunkle Ahnung sitzt tief genug in ihnen, um sie zu bewegen, nur offenkundige Sozialisten zu Führern zu wählen. Wie alle andern müssen sie durch ihre eignen Erfahrungen, an den Folgen ihrer eignen Fehler lernen. Aber da sie, entgegen den alten Trades Unions, jede Andeutung von der Identität der Interessen von Kapital und Arbeit mit Hohngelächter aufnehmen, wird das nicht sehr lange dauern.

Ich hoffe, daß die nächste allgemeine Wahl sich noch 3 Jahre hinauszieht: 1. damit nicht in der schlimmsten Kriegsgefahr der Russenknecht Gladstone am Ruder – was allein hinreichend für den Zar4, den Krieg zu provozieren; 2. damit die antikonservative Majorität so groß wird, damit eine wirkliche Homerule für Irland eine Notwendigkeit wird, sonst bescheißt Gladst[one] die Irländer wieder, und dieses Hindernis – die irische Frage – wird nicht aus dem Weg geräumt; 3. aber damit die Arbeiterbewegung noch weiter entwickelt und möglicherweise durch den Rückschlag der nach der jetzigen Prosperität sicher schlechten Geschäftszeit rascher gereift wird. Dann kann das nächste Parlament 20–40 Arbeitervertreter zählen, und zwar von andrem Schlag als die Potter, Cremer & Co.

Das Widerwärtigste hier ist die den Arbeitern tief ins Fleisch gewachsne bürgerliche „respectability“5. Sozial ist die Gliederung der Gesellschaft in zahllose, unbestritten anerkannte Abstufungen, von denen jede ihren eignen Stolz, aber auch ihren angebornen Respekt vor ihren „betters“6 und „superiors“7 hat, so alt und festgegründet, daß die Bourgeois noch immer das Ködern ziemlich leicht haben. Ich bin keineswegs sicher z.B., daß John Burns nicht auf seine Popularität bei Kardinal Manning, dem Lord Mayor8 und den Bourgeois überhaupt im stillen stolzer ist als auf die bei seiner eignen Klasse. Und Champion – Exlieutenant – hat von jeher mit bürgerlichen, namentlich konservativen Elementen gemogelt, auf dem pfäffischen Church Congress9 Sozialismus gepredigt etc. Und selbst Tom Mann, den ich für den bravsten halte, spricht gern davon, daß er mit dem Lord Mayor lunchen wird. Wenn man dagegen die Franzosen hält, merkt man doch, wozu eine Revolution gut ist. Übrigens wird es den Bourgeois wenig nützen, wenn es ihnen gelingt, einige der Führer in ihr Garn zu locken. Bis dahin ist die Bewegung soweit erstarkt, daß so was überwunden wird.

Die 4.Auflage10 ist fertiggemacht und im Druck.
Rappaport ist an Kautsky besorgt. Wenn man einen so haarsträubenden Namen hat, muß man jedes Blödsinns fähig sein.
Hepnerchen ist ein sokluges, in seinen eignen Augen so unparteiisches, dabei so total unpraktisches Männchen (was die Juden Schlemihl nennen – geborner Pechvogel), daß es mich wundert, wie er nicht schon längst drüben has come to grief11. Es ist schade um das Kerlchen, aber da ist nichts zu ändern.

„Time“ ist jetzt von Bax gekauft, und ich glaube, auch alles mit Avelings arrangiert.12 Kommt aber drauf an, was Bax draus macht. Bei allem Talent und allem guten Willen ist Bax doch unberechenbar – ein Stubengelehrter, der sich auf den Journalismus geworfen und dadurch etwas die Balance verloren hat. Dazu seine sonderbare Marotte, die Weiber unterdrückten heute die Männer.

Deine Liste der „Trib[une]“-Artikel von Marx wird wohl unter dem Berg ungeordneter Briefe begraben sein. Die eingeklebten „Trib[une]“-Artikel habe ich, ob sie aber vollständig sind, kann ich augenblicklich nicht sagen. Ich habe sie erst im Herbst wiedergefunden.

Ganz unter uns! Ich höre erst jetzt, daß Schlüters Frau vor ihrer Abreise hier gesagt haben soll, Kautsky habe Schl[üter] aus seiner Stelle verdrängt. Sollte sie ähnliches dort sagen, so ist es die totale Unwahrheit. Schl[üter] hat freiwillig selbst hier gekündigt, und die Kündigung ist von der Fraktion in Deutschland angenommen worden. Er hatte persönlich Krakeel mit Motteler, mit dem kein Mensch auskommen kann, der aber wegen seiner allgemein anerkannten absoluten Zuverlässigkeit in Geldsachen eine für die Parteileitung sehr wertvolle Person ist. Wenn Schlüter dabei von Ede Bernstein nicht in dem Maß unterstützt wurde, wie er glaubte erwarten zu dürfen, so ist das teils Edes, teils aber Schl[üter]s eigne Schuld. Auf Kautsky als Ersatz für Schl[üter] im Archiv wurde erst reflektiert, nachdem Schlüter gekündigt. Ich hätte Dich mit diesem Klatsch nicht behelligt, glaube aber jetzt es zu müssen.

Vor 14 Tagen langen Brief von Sam Moore erhalten. Er findet die Gegend gesund, die Lage sehr schön, die Gesellschaft erträglich, bestellt eine Masse Journale, scheint sich aber doch schon wieder auf die 6 Monate europäischen Urlaub 1891 zu freuen.

In Deutschland geht's famos, Wilhelmchen13 ist noch ein beßrer Agitator als Bismarck, die Ruhrkohlengräber sind uns sicher, die Saar-ditto kommen nach, der Elberfelder Prozeß hilft auch mit seinen Mouchard-Enthüllungen. In Frankreich hat unsre parlamentarische Fraktion jetzt 8 Mann, darunter 5 Delegierte zum Pariser Marxistenkongreß; Guesde ist ihr Sekretär und arbeitet ihnen die Reden aus. Ein Tagesblatt ist wieder einmal in Aussicht. Die Fraktion wird die Kongreßbeschlüsse als Motion einbringen. Für den 1.Mai 1890 wird überall gearbeitet. – In Östreich geht's auch sehr gut, Adler14 hat die Sache famos in Ordnung gebracht, die Anarchisten sind tot dort.

Mir geht's auch gut, die Augen sind besser, und wenn's so fortgeht, bis Ende Januar über die Nebelzeit und kurzen Tage, werde ich wieder flotter arbeiten können. Tussy arbeitet schwer im Silvertown Strike, der längst beendet wäre, hätten nicht Burns & Co. ihn vernachlässigt.
Herzliche Grüße an Deine Frau.

Dein
F. E.