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Engels an Laura Lafargue
in Le Perreux

[Eastbourne] 1.Sept. 1889, Sonntag

Meine liebe Laura,

Gestern spätabends bekam ich Nachricht von meiner Bank, daß die lang erwartete Dividende von £ 36 eingezahlt worden ist, und ich beeile mich daher, Euch einen Scheck über £ 30 zu schicken. Zehn davon sind die zweite Hälfte der Summe, die ich Paul für seine Wahlunkosten versprochen habe und nach der er sich in einem Brief erkundigte, der am letzten Freitag aus Cette hier ankam. Seine Aussichten in der Stadt scheinen gut zu sein, doch Cette ist nur klein, und die Stimmen auf dem Lande werden entscheiden – ich hoffe, in den nächsten Tagen mehr von ihm zu hören. Wollen wir das Beste hoffen.

Kann nicht viel schreiben, da es Sonntag ist und unsere Leute dauernd ein- und ausgehen; muß außerdem an Tussy schreiben wegen des Streiks, der sich gestern in einer ernsten Krise befand. Da die Dockdirektoren stur blieben, wurden unsere Leute zu einer ganz unsinnigen Entscheidung verleitet. Sie hatten ihre Hilfsmittel verausgabt und mußten kundtun, daß am Samstag den Streikenden keine Unterstützung ausgezahlt werden könne. Um das akzeptabel zu machen – so fasse ich das zumindest auf –, erklärten sie, wenn die Dockdirektoren bis Samstag mittag nicht nachgegeben haben, würde am Montag Generalstreik sein, wobei man hauptsächlich von der Annahme ausging, daß die Gaswerke aus Mangel an Kohle, Arbeitern oder beidem stillstehen und London im Dunkeln lassen würden. Diese Drohung sollte sie alle dazu zwingen, den Forderungen der Arbeiter nachzugeben.

Nun, das hieße va banque spielen, bei dem £ 1000 eingesetzt werden, um möglicherweise £ 10 zu gewinnen; das hieße mehr androhen als sie ausführen könnten; das hieße Millionen hungrige Mäuler schaffen, nur weil sie einige Zehntausende haben, die sie nicht ernähren können; das hieße, sich mutwillig all die Sympathien der Kaufleute und sogar der großen Masse der Bourgeoisie verscherzen, die alle die Dockmonopolisten haßten, die sich jetzt aber sofort gegen die Arbeiter wenden würden; es war tatsächlich eine derartige Deklaration der Verzweiflung und ein so verzweifeltes Spiel, daß ich sofort an Tussy schrieb: wenn darauf hartnäckig bestanden wird, brauchen die Dockgesellschaften nur bis zum Mittwoch auszuhalten, und sie werden siegreich sein.

Glücklicherweise haben sich unsere Leute eines Besseren besonnen. Sie zogen nicht nur ihre Drohung „einstweilen“ zurück, sondern kamen sogar dem Verlangen der Werftbesitzer (in gewissem Sinne Konkurrenten der Docks) nach und setzten ihre Forderungen auf Erhöhung der Löhne herab, auch das wurde wieder zurückgewiesen von den Dockgesellschaften. Dies, denke ich, wird ihnen den Sieg sichern. Die Drohung mit dem Generalstreik wird jetzt eine heilsame Wirkung haben, und die Großzügigkeit der Arbeiter, sowohl das Zurückziehen der Drohung wie die Bereitschaft zu einem Kompromiß, wird ihnen neue Sympathien und Hilfe sichern.

Am Freitag werden wir nach London zurückkehren. Schorl[emmer] ist vor ungefähr vierzehn Tagen nach Deutschland abgereist; wo er sich jetzt aufhält, was er macht und welches seine Absichten sind, weiß ich nicht.

Was Boulanger betrifft, so zeigt sich seine Schwäche in seiner Wahltaktik: er nimmt Paris und überläßt den Monarchisten die ganze Provinz. Das müßte seine zähesten Anhänger eines Besseren belehren, wenn sie noch Republikaner sein wollen. Paul schreibt mir, ein Marseiller Boulangist habe ihm bekannt, daß B[oulanger] von der russischen Regierung 15 Millionen erhalten hat. Das erklärt den ganzen Schwindel. Die russische Dynastie, jetzt mit den Orléans durch Dänemark verwandt, wünscht eine Restauration der Orléans, und zwar eine durch Rußland zustande gebrachte, denn dann wären die Orléans ihre Sklaven. Und nur mit einem monarchischen Frankreich kann der Zar1 ein sicheres Bündnis haben, wie er es für einen langen Krieg mit zweifelhaften Aussichten braucht. Um das zustande zu bringen, wird B[oulanger] als Werkzeug benutzt. Wenn er als Sprungbrett für die Monarchie erfolgreich ist, wird er zu gegebener Zeit abgefunden oder, wenn nötig, aus dem Wege geschafft werden, denn die russische Regierung wird in diesem Fall nicht die Skrupel haben wie unsere Sozialisten: „denn die abzumurksen, ist uns Wurscht“2, ist ihr Motto. Was Millerand angeht, so glaube ich, daß Du recht hast. In seiner Zeitung3 gibt es bei allen Ansätzen eines Radikalismus einen Ton der Schwäche, halber Verzagtheit und vor allem so viel von der Milch der Menschenliebe (so abgestanden sie ist, hat sie doch nicht das Zeug in sich, um sauer zu werden), daß sie selbst bei einem Vergleich mit „La Justice“, wie ich diese Zeitung einmal gekannt habe, Mitleid erregt, vermischt mit einem Schuß Verachtung. Und das wollen die Nachfolger der alten französischen Republikaner, les fils des héros de la rue Saint-Méry4, sein!

Immer Dein
F. E.

Herzliche Grüße von Nim und der ganzen Gesellschaft hier.

Aus dem Englischen.