4, Cavendish Place
Eastbourne, 27. Aug. 89
Meine liebe Laura,
Das Briefeschreiben an der See ist nahezu eine Unmöglichkeit, ich dachte, Du wüßtest das längst. Und wenn, wie in meinem Falle, eine Menge Leute, die ich nie gesehen habe, sich scheinbar verschworen haben, mich mit Briefen, Besuchen, Anfragen, Bitten aller Art zu überfallen, wird die Unmöglichkeit zur vollendeten Tatsache. Österreichische Studentenklubs, ein Wiener „Wahrheits“-Sucher, der wissen möchte, ob er nicht lieber Hegel verschlingen sollte (lieber nicht, antworte ich), ein rumänischer Sozialist in propria persona1, ein unbekannter Mann aus Berlin, jetzt in London usw. usw., sie alle sind auf einmal über mich hergefallen, und alle erwarteten sie, daß man sich ihnen sofort widmet. So, mit sechs Menschen um mich in einem Zimmer, wohin sie nur zu oft vom Regen getrieben werden, bleibt mir nichts anderes übrig, als mich von Zeit zu Zeit in mein Schlafzimmer zurückzuziehen und es in mein „Büro“ zu verwandeln.
Du hattest Deine Erlebnisse mit Séraphine, Nim hatte ihres mit Ellen. Was erfahrene Leute seit langem bei Ellen vermutet haben, wurde eines Morgens vom Doktor als ein seit sechs Monaten auf dem Weg Befindliches gemeldet, und zwar auf dem Weg, auf dem alles Fleisch in die Welt kommt, und sie mußte deshalb weggehen – einen Monat, bevor wir hierherkamen. Wenn wir zurückkommen, werden wir eine Neue einstellen – vielleicht eine Schlechtere.
Ich freue mich, daß Paul auf seiner Wahlreise ist und noch dazu mit Mitteln seiner Mama. Von den drei für Marseille Aufgestellten könnte einer, vielleicht zwei durchkommen; ich hoffe, Paul wird einer davon sein. Aber auf jeden Fall ist es ein deutlicher Schritt nach vorn, einmal als Kandidat für die Partei aufgestellt worden zu sein, und es erleichtert weitere Schritte; besonders bei einer im Aufstieg begriffenen Partei, wie es die unsrige gegenwärtig in Frankreich unzweifelhaft ist, bedeutet einmal Kandidat zu sein im allgemeinen, immer Kandidat zu sein.
Ich hoffe sehr, daß der Boulangismus bei den nächsten Wahlen ein Fiasko erleben wird. Uns könnte nichts Schlimmeres passieren als selbst ein succès d'estime2 dieses Humbugs, der zumindest das offensichtliche Dilemma verlängern könnte: entweder Boulanger oder Ferry – ein Dilemma, welches allein jedem der beiden Schurken Lebenskraft gibt. Wenn Boulanger ordentliche Hiebe bezieht und seine Anhänger mehr oder weniger auf die Bonapartisten reduziert werden, würde das beweisen, daß dieser bonapartistische Hang im französischen Charakter – erklärbar aus dem Erbe der großen Revolution – allmählich ausstirbt. Und mit dem Verschwinden dieser Erscheinung würde die reguläre Entwicklung der französischen republikanischen Evolution reprendre son cours3; die Radikalen würden sich mit ihrer neuen Inkarnation Millerand allmählich ebenso diskreditieren wie mit der Inkarnation Clemenceau, und die besseren Elemente unter ihnen gingen zu uns über; die Opportunisten würden den letzten Vorwand für ihre politische Existenz verlieren, nämlich daß sie zumindest Verteidiger der Republik gegen Prätendenten seien; die von den Sozialisten eroberten Freiheiten würden nicht nur erhalten, sondern allmählich erweitert werden, so daß unsere Partei in einer besseren Lage wäre, ihren Kampf durchzufechten, als irgendeine andere auf dem Kontinent; und die größte Kriegsgefahr wäre beseitigt. Wer wie die Boulanger-Blanquisten glaubt, man könnte durch Unterstützung Boulangers ein paar Sitze im Parlament erlangen, gleicht diesen einfältigen purs, die ein Dorf niederbrennen würden, um ein Kotelett zu braten. Es ist zu hoffen, daß diese Erfahrung Vaillant guttun wird. Er weiß ganz genau, was für eine Sorte von Kerlen die Mehrzahl der Blanquisten ist, und seine Illusionen darüber, was aus solchem Material gewonnen werden kann, müssen einen schweren Stoß erlitten haben.
Hyndmans Kampagne in puncto Verdächtigung der marxistischen Mandate scheint völlig gescheitert zu sein. Burns' Eröffnungen waren ein geschickter Schlag, und unsere weiteren Enthüllungen, besonders über die Mandate der possibilistischen Österreicher, taten das übrige. Diese Leute wissen gar nicht, in welchem Glashaus sie selbst sitzen. Und da in Frankreich die Possibilisten sich in dieser Frage scheinbar ruhig verhalten haben (diese Burschen sind – in ihrem kleinen Maßstab weitaus klüger als Hyndman und Co –), so besteht keine Notwendigkeit mehr, den Sieg weiter zu betreiben, wenn nicht neue Versuche unternommen werden. Der ganze Trick war für den britischen Markt berechnet, und dort ist er fehlgeschlagen – cela suffit4. Dann gibt es die Entschließung über die 1. Mai-Demonstration. Das ist das Beste, was unser Kongreß vollbracht hat. Das wird hier in England gewaltig ins Gewicht fallen. Die Hyndmanbande wagt nicht, dagegen aufzutreten; wenn sie es tut, ruiniert sie sich selbst, wenn sie es nicht tut, muß sie unseren Fußstapfen folgen; mögen sie wählen.
Eine andere Sache von höchster Wichtigkeit ist der Streik der Dockarbeiter. Sie sind, wie Du weißt, die elendsten aller misérables5 vom East End, die Verkommensten aus allen Berufen, die niedrigste Schicht vor dem Lumpenproletariat6. Daß diese armen, hungernden, niedergebrochenen Geschöpfe, die sich jeden Morgen Schlachten liefern um den Vortritt zur Arbeit, sich zum Widerstand zusammentun, mit 40–50 000 Mann in den Ausstand treten, praktisch jeden Zweig im East End, der irgendwie mit der Schiffahrt verbunden ist, nach sich in den Streik ziehen, über eine Woche ausharren und den reichen und mächtigen Dockgesellschaften Angst einjagen würden – das ist ein Erwachen, das erlebt zu haben7 mir Freude macht. Und sie haben selbst bürgerliche Meinungen auf ihrer Seite: die Kaufleute, die durch diese Unterbrechung des Handels schwer zu leiden haben, klagen nicht die Arbeiter, sondern die widerspenstigen Dockgesellschaften an. So daß sie, wenn sie noch eine Woche ausharren, des Sieges so gut wie sicher sind.
Und dieser ganze Streik wird von unseren Leuten organisiert und geführt, von Burns und Mann, und die Hyndmaniten sind nirgends.
Meine liebe Laura, ich bin so ziemlich sicher, daß Ihr Geld benötigt, und ich hätte inliegend einen Scheck geschickt, wenn ich nicht selber knapp wäre. Mein Bankguthaben zeigt niedrigste Ebbe: eine Dividende von etwa £ 33, gewöhnlich um den 18. August fällig, ist noch nicht eingezahlt worden, und Edward hat bis zum Ende dieses Monats £ 15 geborgt, da er stark in der Klemme war. Deshalb habe ich kaum Bewegungsfreiheit, aber sobald ich eine Geldsendung erhalte, werde ich es überweisen, spätestens am nächsten Montag, ich hoffe jedoch früher.
Domela8 wird völlig unverständlich. Ist er nach allem vielleicht nicht Jesus Christus, sondern Jan van Leiden? le prophète de Meyerbeer9? Vegetarismus und Einzelhaft scheinen am Ende sonderbare Resultate hervorzubringen.
Edward und Tussy werden nach Dundee gehen, um über den Trade-Union-Kongreß zu berichten, und wir werden dann die Jungen10 inzwischen hierhaben.
Immer Dein
F. Engels
Aus dem Englischen.