122, Regent's Park Road, N. W.
London, 12. Juni 1889
Sehr geehrter Herr,
Ich bitte tausendmal um Verzeihung, daß ich die Anfrage in Ihrem werten Brief vom 15. April so gänzlich unbeantwortet gelassen. Ich bin wider meine Absicht in die Debatte über den internationalen Kongreß hineingeraten und habe mir dadurch einen Haufen Arbeit, Korrespondenz, Lauferei etc. aufladen lassen, der mich leider eine Masse andrer Dinge hat vernachlässigen lassen. Darunter eine Menge Briefe, die unbeantwortet liegengeblieben.
Um Sie nun keinen Augenblick länger warten zu lassen, teile ich Ihnen mit, daß ich die betreffende Broschüre seit ihrem Erscheinen in Köln nicht wieder gesehn habe und auch in Marx' Nachlaß meines Wissens ein Ex. sich nicht befindet. Die Broschüre erschien kurz vor Eröffnung des Prozesses, und ist mir nie von einem zweiten Heft derselben irgend etwas bekannt geworden. Ein solches wäre auch wohl in der „N[euen] Rh[einischen] Z[eit[un]g“ angezeigt worden, dort ist aber bloß die einfache Broschüre selbst, als 1. Heft, zuerst am 9. Juli 48, annonciert, und am 5. Aug. begannen die Verhandlungen; in den dazwischenliegenden Nrn. ist kein zweites Heft angezeigt und sicher auch keins erschienen. Nach der Freisprechung hatte Lassalle keinen Grund, eine Kritik fortzusetzen, die eben nur zur Bewirkung dieser Freisprechung hatte beitragen sollen.
Auf Ihre jetzt endlich glücklich in den Hafen gelaufene Schrift bin ich sehr neugierig. Den Artikel der „Vossischen“ über Kant werde ich erst nach heutigem Postschluß lesen können, kann Ihnen für jetzt also nur meinen besten Dank dafür aussprechen.
Wenn Sie in die „Vossische“ eintreten und dort den Orient zu vermöbeln bekommen, will ich Sie nur auf den „Standard“ aufmerksam machen, der von allen Londoner und vielleicht von allen europäischen Blättern (einige ungarische ausgenommen) die besten Nachrichten über den Orient enthält, soweit er Rußland interessiert. So brachte er vor ein paar Tagen zuerst 1. die Nachricht vom russischen, jetzt wieder ans Licht tretenden Plänchen des großserbischen Reichs unter dem Fürsten von Montenegro – ein Plänchen, dessen Förderung die russische Regierung einstweilen dem panslawistischen Comité überläßt, um es je nach Umständen selbst aufzunehmen oder wieder auf eine Zeitlang beiseite zu legen; 2. die Nachricht von der geheimen Abmachung zwischen Zar1 und Schah2, wonach Persien keine Eisenbahn-, Schiffahrts- etc. Konzessionen erteilt ohne Rußlands Einwilligung und im Kriegsfall den Russen Khorassan zur Disposition stellt (d. h. die strategische Umklammerung Afghanistans ihnen ermöglicht). Manchmal vergehn Monate, ohne daß so etwas im „St[andard]“ erscheint, dann aber kommen die Enthüllungen meist dick. Die Antirussen der konservativen Partei, der Armee und der indischen Bürokratie versorgen den „Standard“ damit.
Ich fürchte, daß, sobald Rußland seine Schuldkonvertierung erledigt und dadurch eine Kreditstellung erhalten hat wie noch nie zuvor, wird die panslawistische Partei einerseits und die Notwendigkeit, der Armee (deren jüngere gebildete Offiziere durch die Bank konstitutionell, also den Preußen weit voraus sind) Beschäftigung und dadurch Abwendung von politischen Konspirationen zu geben, andererseits, die russische Regierung zum Krieg treiben. Was dann wird, kann kein Mensch vorhersagen, es ist das alte delphische Orakel:
Κροῖσος, Ἅλυν διάβας, μεγάλην δύναμιν διαλύσει.3
Kaputt geht dabei jedenfalls sehr viel und, wenn man einem gewissen eingebildeten jungen Bengel4 die Zeit läßt, sie zu desorganisieren, vielleicht auch die deutsche Armee.
Inzwischen war der Kohlengrubenstreik auch ein sehr schönes Ereignis und beleuchtete wie ein Blitz die ganze Lage. Das sind drei Armeekorps, die zu uns übergehn.
Also bis nächstens!
Mit besten Grüßen.
Ihr ergebener
F. Engels