London, 11.Juni 89
Meine liebe Laura,
Endlich finde ich ein paar Minuten für einen ruhigen Schwatz mit Dir. Vor allen Dingen laß mich Dir für Deine liebenswürdige Einladung nach Le Perreux während des Kongresses danken. Ich befürchte nur, ich werde es wie bisher aufschieben müssen, ihr Folge zu leisten. Es gibt zwei Dinge, die zu besuchen ich prinzipiell vermeide und wohin ich nur zwangsweise gehe: Kongresse und Ausstellungen. Der Lärm und das Gedränge Eurer „world's fair“1, um mich in dem Slang des respektablen Briten auszudrücken, ist für mich alles andere als reizvoll, und von dem Kongreß muß ich mich auf jeden Fall fernhalten; das würde mich in eine neue Agitationskampagne stürzen, und ich würde zum Vorteil einer Menge Nationalitäten mit einer Ladung voll Aufgaben hierher zurückkehren, die mich für ein paar Jahre beschäftigt hielten. So etwas kann man auf einem Kongreß nicht ablehnen, und doch muß ich es, wenn der 3.Band2 das Licht der Welt erblicken soll. Über drei Monate konnte ich keinen Blick darauf werfen, und jetzt ist es zu spät, um vor den Ferien, die ich zu nehmen gedenke, damit zu beginnen; ich bin auch nicht sicher, ob ich meine Kongreßsorgen ganz los bin. Wenn ich also in diesem Jahr nicht nach Le Perreux hinüberkomme, aufgeschoben ist nicht aufgehoben3. Diesen Sommer jedoch werde ich mich etwas in einem stillen Ort an der See ausruhen, um mich wieder in die Kondition zu bringen, eine Zigarre rauchen zu können, was ich seit mehr als zwei Monaten nicht getan habe; ungefähr ein Gramm Tabak jeden zweiten Tag ist alles, was ich vertragen kann – doch ich schlafe wieder, und mäßiges Trinken hat für mich keine unangenehme Wirkung mehr.
Hier einige Neuigkeiten für Paul: Sam Moore gibt für uns heute abend ein Abschiedsessen; er segelt am Samstag nach dem Niger ab, wo er in Asaba, im Innern Afrikas, Oberrichter der Gebiete der Royal Niger Company, Chartered and Limited, sein wird, mit sechs Monaten Urlaub für Europa jedes zweite Jahr, gute Bezahlung und der Aussicht, nach etwa acht Jahren als ein unabhängiger Mann zurückzukehren. Es war hauptsächlich zu Ehren Pauls, daß er einwilligte, Lord-Oberrichter der Niger-Neger, der höchsten Elite der nigritischen4 Niger-Neger zu werden. Es tut uns allen sehr leid, ihn zu verlieren, aber er hat seit mehr als einem Jahr nach etwas Ähnlichem gesucht, und dies ist eine ausgezeichnete Stellung. Er ist nicht nur seiner juristischen Qualifikation wegen ernannt worden, sondern vielmehr auch, weil er ein tüchtiger Geologe und Botaniker und ehemaliger Freiwilligen-Offizier ist – alles sehr wertvolle Eigenschaften in einem unbekannten Lande. Er wird einen botanischen Garten haben und eine meteorologische Station einrichten; seine richterlichen Pflichten werden hauptsächlich darin bestehen, deutsche Schmuggler von Bismarcks***Kartoffelsprit, von Waffen und Munition zu bestrafen. Das Klima ist weit besser als sein Ruf, und Sams medizinischer Befund war höchst zufriedenstellend, der Arzt sagte ihm, daß er eine bessere Chance haben werde als junge Männer, die sich selbst – aus purer Langerweile – mit Whisky und schwarzen Harems töten. Somit wird, wenn der dritte Band herauskommt, wenigstens ein Teil davon in Afrika übersetzt werden, da ich ihm die Aushängebogen schicken werde.
Um zu unserem geliebten Kongreß zurückzukehren. Ich betrachte diese Kongresse als unvermeidliche Übel in der Bewegung. Die Leute wollen sich unbedingt auf Kongressen in Szene setzen, und obgleich Kongresse ihre brauchbare demonstrative Seite haben und insofern gut sind, als sie Leute aus den verschiedenen Ländern zusammenbringen, so ist es doch zweifelhaft, ob le jeu vaut la chandelle5, wenn es ernsthafte Differenzen gibt. Doch die ständigen Bemühungen der Possibilisten und Hyndmaniten, sich mittels ihres Kongresses in die Führung einer neuen Internationale einzuschleichen, machten einen Kampf für uns unvermeidlich, und das ist der einzige Punkt, worin ich mit Brousse übereinstimme: daß es wieder der alte Riß durch die Internationale ist, der jetzt die Leute in zwei entgegengesetzte Lager treibt. Auf der einen Seite die Anhänger Bakunins, unter einer anderen Flagge, aber mit der ganzen alten Ausrüstung und Taktik, eine Bande von Intriganten und Betrügern, welche über die Bewegung der Arbeiterklasse für ihre eigenen persönlichen Ziele „herrschen“ wollen; auf der anderen Seite die wirkliche Arbeiterbewegung. Und das allein war der Grund, mich für die Sache so ins Zeug zu legen. Debatten über die gesetzlichen Details interessieren mich nicht so sehr. Doch die Position, die wir nach 1873 von den Anarchisten zurückerobert haben, wurde jetzt von ihren Nachfolgern angegriffen, und deshalb hatte ich keine Wahl. Nun, wir waren siegreich, wir haben der Welt bewiesen, daß fast alle Sozialisten in Europa „Marxisten“ sind (sie werden darüber verrückt werden, daß sie uns diesen Namen gegeben haben!) und daß sie mit Hyndman, der sie trösten kann, kaltgestellt sind. Und nun hoffe ich, wird man meine Dienste nicht mehr länger benötigen.
Da sie niemanden haben, der zu ihnen kommt, greifen sie auf nichtsozialistische oder halbsozialistische Trades Unions zurück, und auf diese Weise wird ihr Kongreß einen von dem unsrigen völlig unterschiedlichen Charakter tragen. Das macht die Vereinigung zu einer zweitrangigen Frage; zwei solche Kongresse können ohne Skandal nebeneinander tagen.
Meine liebe Laura, ich wollte noch viel mehr schreiben, doch ich kann kaum sehen, so neblig ist es, und deshalb mußte ich unterbrechen und auf hellere Pausen warten bis jetzt, wo es Postzeit ist. Ich kann also nur noch den Scheck über £ 20 beifügen – von dem Paul schreibt.
Wegen des Geldes für den Kongreß sollten die Deutschen etwas tun – wenn ich kann, werde ich Paul morgen darüber schreiben.
Immer Dein
F. Engels
Aus dem Englischen.