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Engels an Laura Lafargue
in Le Perreux

London, 14. Mai 89

Meine liebe Laura,

Könnten nicht Eure Leute in Paris jetzt, da sich die Dinge zum Besseren wenden und reibungslos ablaufen, das, was wir zu ihrer Unterstützung versuchen, mit etwas weniger Nervosität betrachten? Es hat sie niemand gebeten, in eine Polemik mit dem „Star" einzutreten oder lange Widerlegungen zu schreiben. Doch wie wäre es, wenn Vaillant an den „Star" schreiben würde: „In Ihrer Nr. – erklären Sie auf Grund der Ihnen gegenüber gemachten possibilistischen Behauptungen, daß ich ... (das und das getan habe, ‚Star' vom 7. Mai1). Ich habe weder die Zeit, noch haben Sie den Platz, solchen Unsinn im Detail zu widerlegen. Ich bitte Sie daher lediglich, mir zu gestatten, in Ihrer nächsten Ausgabe zu erklären, daß das eine infame Verleumdung ist" (oder irgend etwas dergleichen).

Und angenommen, der Schatzmeister, Vorsitzende oder Sekretär von Boulés Komitee schriebe: „In Ihrer Ausgabe usw. sagen Sie, daß die Wahl Boulés mit Boulangistengeldern unterstützt worden sei". Als Vorsitzender (oder was er auch immer war) von Boulés Komitee weiß ich, woher die sehr kleine Summe Geldes, über die wir verfügen konnten, kam – alles aus Zeichnungen der Arbeiter. Deshalb erkläre ich, daß die obige, von Possibilisten herrührende Behauptung eine infame Lüge ist" usw.

Und in dieser Art noch einiges von verschiedenen Leuten. Das würde unseren Einfluß auf den „Star" sehr stärken.

Besonders in diesem Augenblick. Der „Star" von heute morgen hat Pauls Einladung – fürchte ich – nur deshalb gebracht, um eine Entschuldigung dafür zu haben, die offizielle Einberufung mit allen Unterschriften nicht zu bringen. Dennoch wird Bernstein in ein oder zwei Tagen nochmals bei ihm2 einen Versuch damit (Exemplar beiliegend) unternehmen. Edward und Bonnier haben ihn heute morgen aufgesucht, worauf er versprach, morgen einen Brief von Bonnier zu bringen, und Bonnier für nächsten Montag zum Essen einlud. B[onnier] muß dann versuchen, ihn zu bearbeiten. Du siehst, das Eisen ist noch immer nicht ganz erkaltet, und es könnte geschmiedet werden, wenn wir nur durch einige wenige Schläge von Paris aus unterstützt würden. Wenn wir jetzt nicht zuschlagen, wird es bald zu spät sein.

Du sagst, die Pariser Kommission würde durch ihre zahlreichen Proklamationen wirken, und das sei besser, als Briefe an die Redaktion zu richten. Ganz gewiß, aber die Briefe an die Redaktion sollen eben den Zweck verfolgen, sie zu bewegen, die Proklamationen zu veröffentlichen, wenn sie kommen. Welchen Nutzen würden all die Proklamationen hier haben, wenn wir sie in keine Zeitung bringen können, ausgenommen den „Labour Elector", was vielleicht mehr schadet als nützt, wenn das die einzige Zeitung ist, welche davon Notiz nimmt.

Da ein Teil der Unterhaltung mit Massingham englisch geführt und von B[onnier] nicht verstanden wurde, weiß ich noch nicht alles, was los ist. Jedenfalls hoffe ich, Du verstehst, daß unser Schlachtplan – die Position, die wir von Anfang an hatten, zu behaupten und den „Star" für Mitteilungen von unserer Seite offenzuhalten – der einzig mögliche war und nicht ganz so absurd, wie unsere Pariser Freunde zu glauben scheinen. Wir wissen, daß in der Redaktion des „Star" großer Wert auf solche Bombardements mit Briefen vom auswärtigen Publikum gelegt wird, und in diesem Falle ist es um so wichtiger, da, wie Du selbst weißt, die Possibilisten, Smith H[eadingley] und Hyndman, alle unisono M[assingham] in den Ohren liegen, die ganze Sache sei nur eine persönliche Angelegenheit der Familie Marx und nichts anderes.

Ich habe Bebel schriftlich gebeten, den Dänen und Österreichern zu schreiben, sie sollten sich mit ihren Unterschriften beeilen, und über die Dänen auf die Schweden und Norweger einzuwirken. Ich habe ihn auch wegen seiner Befürchtungen beruhigt, während der bevorstehenden Feierlichkeiten in Paris weder Logis noch Essen zu bekommen. Bebel, der niemals etwas Größeres als Berlin gesehen hat (denn hier war er nur ein paar Tage und unter gutem Schutz), ist in diesen Dingen ein bißchen kleinstädtisch3. Je eher das Zirkular mit allen Unterschriften erscheint, desto besser; das wird die beste Wirkung auf die Leute hier haben.

Ich bin sicher, Eure Leute in Paris haben allen Grund, zufrieden zu sein. Sie haben das erreicht, was sie wollten, und es bleibt noch reichlich Zeit für alles. Warum sollten sie also so ängstlich bestrebt sein, an Freund und Feind gleichermaßen Rache zu nehmen, bei jedem Vorschlag, der ihnen gemacht wird, verdrießlich dreinzuschauen, Schwierigkeiten zu suchen, wo keine sind, und zu brummen wie John Bull? Sicherlich toute la gaîté française ne s'est pas évanouie4 – laß sie wieder Franzosen werden, der Weg zum Sieg liegt offen vor ihnen; wir hier sind es, die eine Niederlage erlitten haben, doch das ist nicht das Entscheidende, und wie Ihr seht, führen wir unseren Kampf weiter, so gut wir nur können.

Immer Dein
F. E.

Aus dem Englischen.