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Engels an Paul Lafargue
in Le Perreux

London, den 4.Dez. 1888

Mein lieber Lafargue,

Ich habe soeben die Revision eines sehr wichtigen Kapitels des 3. Bandes beendet, ein Kapitel, das Marx unvollendet gelassen hat – noch dazu ein mathematisches; um es zu Ende zu bringen, mußte ich jede andere Arbeit, besonders jede Korrespondenz beiseite lassen. Das ist der Grund meines Schweigens.

Bernstein hat Ihren Artikel an Bebel geschickt, um zu erfahren, was er darüber denkt. Ich würde Ihnen raten, ihn zurückzuziehen. Was Sie in Ihrer historischen Einleitung sagen, ist bekannt, und wir stimmen darin alle überein. Als Sie aber bei den Possibilisten anlangen, behaupten Sie lediglich, sie hätten sich an die Regierung verkauft, ohne den geringsten Beweis dafür zu erbringen, ohne irgendein Detail zu nennen. Wenn Sie nichts anderes über die Possibilisten zu sagen haben, wäre es besser, gar nichts zu sagen. Hätten Sie alle Schweinereien erzählt, die sie, wie Sie sagen, im Gemeinderat begangen haben, und die Geschichten mit der Arbeitsbörse, und hätten Sie schließlich Tatsachen und Gründe angeführt für die Behauptung, daß sie sich haben kaufen lassen, so wäre das besser gewesen. Aber die einfache Behauptung, daß sie sich verkauft haben, hat keinerlei Wirkung.

Vergessen Sie nicht, diese Herren würden antworten, Ihr wäret von den Boulangisten gekauft. Es ist nicht zu leugnen, daß Eure Haltung gegenüber dem Boulangismus Euch in den Augen der Sozialisten außerhalb Frankreichs außerordentlich geschadet hat. Ihr habt mit den Boulangisten kokettiert, geflirtet, aus Haß gegen die Radikalen, während Ihr leicht sowohl die einen als auch die anderen angreifen und jeden Zweifel über Eure unabhängige Haltung beiden Parteien gegenüber vermeiden konntet. Ihr wart nicht gezwungen, zwischen diesen beiden Dummheiten zu wählen, Ihr konntet über die eine wie über die andere spotten. Statt dessen habt Ihr die Boulangisten mit Samthandschuhen angefaßt, Ihr habt sogar davon gesprochen, mit ihnen bei den nächsten Wahlen eine gemeinsame Liste aufzustellen, mit Leuten, die mit den Bonapartisten und Royalisten alliiert sind und sicher ebensoviel wert sind wie die radikalen Verbündeten des Herrn Brousse! Wenn die Haltung der Blanquisten, die – sie, die Reinen – Boulanger wegen des von Rochefort erhaltenen Geldes ebenfalls schonend behandeln, Euch irregeführt hat, so müßten Sie „die Reinen“ doch kennen, da wir sie auch in London gehabt haben.

Sie meinen, das Volk müsse sein Sehnen personifizieren – wenn das wahr ist, dann wären die Franzosen also als Bonapartisten geboren, und dann können wir die Bude in Paris ja zumachen. Aber selbst wenn Sie dies glaubten, ist das für Sie ein Grund, diesen Bonapartismus in Schutz zu nehmen?

Boulanger, so sagen Sie, will keinen Krieg. Als ob es sich darum handelte, was dieser arme Mann will! Er muß wohl oder übel tun, was seine Lage von ihm verlangt. Einmal an der Macht, ist er der Sklave seines chauvinistischen Programms, des einzigen, das er hat, abgesehen von dem Programm, wie er an die Macht gelangt. Es wird keine sechs Wochen dauern, und Bismarck wird ihn in eine ganze Reihe von Schwierigkeiten, Provokationen, Grenzzwischenfällen usw. verwickelt haben, worauf Boulanger den Krieg erklären oder eben abtreten muß; zweifeln Sie etwa, wie er sich entscheiden wird? Boulanger, das ist der Krieg, das ist fast so gut wie sicher. Und was für ein Krieg? Frankreich mit Rußland verbündet, folglich außerstande, eine Revolution zu machen; bei der geringsten Bewegung in Paris würde sich der Zaren1 mit Bismarck verständigen, um ein für allemal den revolutionären Herd zu ersticken; schlimmer noch: der Krieg, einmal begonnen, würde den Zaren zum absoluten Herrn über Frankreich machen und Euch die Regierung aufzwingen, die er will. Sich also aus Haß gegen die Radikalen Boulanger in die Arme zu werfen, das ist genau dasselbe, wie sich dem Zaren in die Arme zu werfen aus Haß gegen Bismarck. Ist es denn so schwer, auszusprechen, daß sie alle beide stinken, wie die Königin Blanka bei Heine sagt?

Ich weiß nicht, was Liebk[necht] hinsichtlich der Possibilisten hat machen können. Jedenfalls bin ich sicher, daß sich unsere Partei in Deutschland nur sehr schwer entschließen würde, zu dem Possibilistenkongreß zu gehen, und wenn sie es täte, dann nur infolge ernster Fehler von Eurer Seite. Aber vergeßt nicht, daß es die Possibilisten erreicht haben, als die offiziellen Vertreter des französischen Sozialismus auftreten zu können; daß sie als solche von den Engländern, den Amerikanern und den Belgiern anerkannt sind; daß sie auf dem Londoner Kongreß mit den Holländern und Dänen fraternisiert haben, weil Ihr nicht vertreten wart, Ihr hattet verzichtet. Wenn Ihr nichts tut, um Euren Kongreß für 1889 anzukündigen und vorzubereiten, wird alle Welt zu dem der Broussisten gehen, denn man läuft nicht hinter denen her, die verzichten. Kündigt also Euren Kongreß an, macht ein bißchen Lärm in der sozialistischen Presse aller Länder, damit die anderen merken, daß Ihr immer noch da seid. Und wenn Euer Kongreß von Troyes Erfolg hat – er muß Erfolg haben, sonst ist es um Eure Partei geschehen – rührt die Trommel, bildet ein Zentralkomitee, das handelt und an das man sich wenden kann, und – wenn möglich – gebt ein kleines Wochenblatt heraus, womit Ihr vor der Welt Euer Vorhandensein beweist. Und grenzt Euch entschieden von den Boulangisten ab, sonst wird niemand kommen.

Liebk[necht] wird seinen Kongreß haben, wenn es möglich ist, und es ist ihm egal, was für ein Kongreß, wenn er nur dabei ist. Und wenn Euer Kongreß ihm zu wenig Chancen auf Erfolg bieten sollte, würde er zu den Possibilisten gehen. Ich werde mein Bestes tun, um bei den anderen vorzubeugen; bei Bebel ist das schon durch Bernstein geschehen, der selbst im „Sozialdemokrat“ über die Possibilisten schreiben wird. Aber er hat nicht die Macht, die Partei zu binden.

Hat sich Liebk[necht] an Sie gewandt, und was haben Sie ihm geantwortet? Das müßte ich wissen, um in Kenntnis der Tatsachen handeln zu können.

Letzten Sonntag besuchten mich Anseele und Van Beveren, und wer begleitete sie? Adolphe Smith Headingley! Natürlich habe ich ihm sehr rasch die Tür gewiesen. Stellen Sie sich diese Unverschämtheit vor!

Percys Angelegenheiten stehen hier ziemlich schlecht; vor Ende des Jahres werde ich nicht feststellen können, wie das enden wird, aber das Jahr 1889 könnte hinsichtlich meiner Finanzen recht revolutionär werden. Inzwischen schicke ich Ihnen einen Scheck über £ 15, um Sie über Wasser zu halten.

Herzliche Grüße an Laura. Nim hat Bronchialkatarrh gehabt, aber nach 3 Wochen ist er endlich verschwunden.

Freundschaftlichst Ihr
F. E.

Aus dem Französischen.