London, 17.Oktober 1888
Lieber Kautsky,
Ich kann meine Antwort auf Deinen Brief nur damit anfangen, wie ich auch an Louise geschrieben1: mir steht der Verstand still bei dem, was zwischen Euch vorgefallen. War eine ernstliche Störung vorhanden, so mußte sich das doch in wenn auch noch so geringem Maß hier vor uns zeigen, namentlich, als Ihr mit Avelings in Dodwell wart. Aber niemand hat etwas gemerkt – außer Ede.
Du sagst selbst, Louise wolle das auch nicht anerkennen, und bei der staunenswerten Großherzigkeit, die sie in dieser ganzen Sache an den Tag gelegt, nehme ich unbedingt an, daß sie sagt, was sie fühlt und glaubt. Es könnte aber sein, daß Ihr beide recht habt. Du datierst Deine Unbefriedigtheit von seit mehr als einem Jahr. Das bringt Euch ungefähr nach Ventnor. Deine Verwandten haben Eure Heirat nicht gern gesehn. Ich weiß aus Erfahrung in meiner eignen Familie, wie schwer, und momentan unmöglich, es Eltern wird, einem Schwiegerkind gerecht zu werden, das wider ihren Willen in die Familie gekommen ist. Die Eltern sind sich bei alledem der besten Absichten bewußt, aber diese besten Absichten haben meist kein andres Resultat, als die Hölle für das Schwiegerkind und indirekt auch für das eigne Kind zu pflastern. Jeder Mann hat an seiner Frau irgend etwas auszusetzen und umgekehrt; das ist in der Ordnung. Aber durch wohlgemeinte Ingerenz2 Dritter kann dies kritische Verhalten zum Mißbehagen und zu dauernder Störung sich steigern. Ist das bei Euch der Fall, so habt Ihr beide recht: Louise darin, daß zwischen Euch beiden kein Grund der Störung vorliegt; Du, daß das Verhältnis faktisch gestört ist.
Wenn nun die Störung so bedeutend war – einerlei, aus welchem Grund –, daß Du ernstlich die Absicht der Trennung faßtest, so war nach meiner Ansicht vor allem zu erwägen die Verschiedenheit der Lage von Frau und Mann unter den heutigen Verhältnissen. Dem Mann schadet die Trennung gesellschaftlich absolut nicht, er behält seine ganze Lebensstellung, wird bloß wieder Junggesell. Die Frau verliert ihre ganze Stellung, muß wieder von vorn anfangen, und das unter erschwerten Umständen. Wenn daher die Frau von Trennung spricht, kann der Mann alles tun, bitten und flehn, ohne sich zu erniedrigen; spielt dagegen der Mann nur leise auf Trennung an, so ist die Frau, wenn sie sich achtet, fast gezwungen, ihn sofort beim Wort zu nehmen. Daraus folgt, daß der Mann nur im äußersten Fall, nur nach reifer Überlegung, nur in vollster Klarheit über die Notwendigkeit der Sache diesen äußersten Schritt tun darf, und dann auch nur in der rücksichtsvollsten Form.
Ferner: Eine tiefe Störung kann nicht stattfinden, ohne daß beide Teile sie fühlen. Und Du kennst Louise genug, um zu wissen, daß in diesem Fall sie die erste gewesen wäre, sich und Dich freizusetzen. Wolltest Du aber dennoch den ersten Schritt tun, dann hatte Louise doch wahrlich um Dich verdient, daß Du ihn bei vollem Verstand tatest und nicht in dem Rausch, in dem Du Dich in St. Gilgen befandest und der so rasch zerrinnen sollte.
Genug. Wie gesagt, uns allen, außer Ede, ist die Sache rein unbegreiflich. Während Du mit Louise unzufrieden wurdest, hat sie sich Freunde über Freunde hier erworben, haben wir alle sie immer lieber gewonnen, hat man Dich um sie beneidet. Und ich bleibe dabei, Du hast den dummsten Streich Deines Lebens begangen.
Du sagst, Du glaubst in Wien bleiben zu müssen. Das mußt Du natürlich am besten wissen. Ich an Deiner Stelle würde das Bedürfnis fühlen, zunächst einmal in relativer Einsamkeit, fern von allen Beteiligten, mit mir selbst ins reine zu kommen über den Charakter und die Tragweite des Geschehenen.
Und hiermit genug davon. Deine Nachrichten über den Parteistand in Östreich sind wenig erbaulich, wenn auch kaum unerwartet. Der Nationalitätenhader sitzt auch der Masse der Arbeiter noch zu tief in den Knochen, um einen allgemeinen Aufschwung zu gestatten, das will Zeit. Von den 3 von Dir erwähnten Gruppen kommen die Alpenländer kaum in Betracht, mit Ausnahme von Wien, das ich nicht dazu rechne. Die Brünner haben den großen Vorzug, eine internationale Gruppe zu sein. Schließlich sind die Streitigkeiten um die Führerschaft doch nur, grade wie hier, der Beweis, daß die großen Massen noch nicht im Übergang zur Partei begriffen sind, daß es zu langsam geht und daher die Schuld dafür von jedem auf andre geschoben und beßrer Erfolg von diesem oder jenem Zaubermittel erwartet wird. Da kann nur Geduld helfen, und ich bin froh, daß ich mich nicht einzumischen habe.
Ich muß jetzt mit Macht an den III.Band3. Sonst hätte ich Dir für die „N[eue]Z[eit]“ einiges über meine amerikanischen Erfahrungen gemacht; aber ich werde schwerlich die Zeit finden – über 14 Tage sind schon mit Korrespondenz, Nachlesen des Eingegangnen usw. verschleppt worden. Meine Augen sind momentan besser, aber wie es werden wird, wenn ich wieder ins Geschirr muß, muß ich abwarten. Morgen geh' ich wieder zum Augenarzt.
Dein
F. Engels