London, 15. Okt. 1888
Werter Herr,
Ich war verhindert, Ihre freundlichen Briefe vom 8./20. Jan. und 3./15. Juni – wie auch viele andere Briefe – zu beantworten, erstens wegen einer Augenerkrankung, die es mir unmöglich machte, täglich mehr als zwei Stunden zu schreiben, und deshalb zu einer fast vollständigen Vernachlässigung von Arbeit und Korrespondenz zwang, zweitens durch eine Reise nach Amerika im August und September, von der ich eben erst zurückgekehrt bin. Mit meinen Augen geht es besser, aber da ich jetzt Bd. III1 in Angriff nehmen und fertigstellen werde, muß ich mich noch hüten, sie zu sehr anzustrengen; und deshalb müssen mich meine Freunde entschuldigen, wenn meine Briefe nicht so lang und häufig sind.
Die Erörterungen in Ihrem ersten Brief über das Verhältnis von Mehrwert- und Profitrate sind höchst interessant und zweifellos von großem Wert für statistische Gruppierungen; doch das ist nicht die Art, wie unser Autor2 das Problem angreift. Sie nehmen in Ihrer Formel an, daß jeder Industrielle den ganzen Mehrwert, den er sich zunächst angeeignet, behält. Aber bei dieser Annahme wären Handels- und Bankkapital unmöglich, weil sie keinen Profit machen würden. Der Profit des Industriellen kann daher nicht den ganzen Mehrwert ausmachen, den er aus seinen Arbeitern herausgepreßt hat.
Andererseits könnte Ihre Formel dazu dienen, die Zusammensetzung verschiedener Kapitale in verschiedenen Industrien unter der Bedingung einer allgemeinen und gleichen Profitrate annähernd zu errechnen. Ich sage könnte, weil ich im Augenblick kein Material zur Hand habe, vermittels dessen ich die von Ihnen aufgestellte theoretische Formel verifizieren könnte.
Sie wundern sich, warum die politische Ökonomie in England sich in einem so kläglichen Zustand befindet. Es ist überall dasselbe; auch die klassische Ökonomie, nein sogar die vulgärsten Freihandels-Hausierburschen3 werden von den noch vulgäreren „höheren“ Wesen, die die Lehrstühle für Ökonomie an den Universitäten innehaben, mit Verachtung angesehen. Das ist zu einem großen Teil die Schuld unseres Autors; er hat die Leute gelehrt, die gefährlichen Konsequenzen der klassischen Ökonomie zu sehen, und jetzt finden sie, daß man, wenigstens auf diesem Gebiet, am sichersten fährt, wenn man auf jede Wissenschaft verzichtet. Und sie haben den gewöhnlichen Philister so sehr geblendet, daß gegenwärtig in London vier Leute auftreten können, die sich „Sozialisten“ nennen und die behaupten, unseren Autor völlig widerlegt zu haben, indem sie seiner Theorie die von Stanley Jevons entgegenstellen.
Pariser Freunde bleiben dabei, daß Mr. Mutual nicht tot ist; ich habe keine Möglichkeit, ihre Nachricht zu überprüfen.
Mit großem Interesse las ich Ihre physiologischen Bemerkungen über die bei verlängerter Arbeitszeit eintretende Erschöpfung und über die Menge potentieller Energie in Form von Nahrungsmitteln, die man braucht, um die Erschöpfung wieder auszugleichen. Zu der von Ihnen zitierten Behauptung von Ranke habe ich einen kleinen Einwand zu machen: Wenn die 1 000 000 kgmètres4 in den Nahrungsmitteln lediglich den Gegenwert der Wärme und der geleisteten mechanischen Arbeit ersetzen, so werden sie noch nicht ausreichen; denn sie ersetzen nicht die Verausgabung von Muskel und Nerv; dafür wird nämlich nicht nur Wärme erzeugende Nahrung gebraucht, sondern auch Eiweiß, und das kann nicht nur in kgmètres gemessen werden, da der tierische Körper unfähig ist, Eiweiß aus den Elementen aufzubauen.
Die beiden Bücher von Ed. Young und Phil. Bevan kenne ich nicht, aber es muß ein Fehler in der Feststellung sein, daß Spinner und Weber in der amerikanischen Baumwollindustrie $ 90–120 im Jahr erhalten. Das wären $ 2 die Woche oder 8 Shilling, die jedoch in Wirklichkeit an Kaufkraft weniger als 5 in England sind. Nach allem, was ich gehört habe, sind die Löhne von Spinnern und Webern in Amerika nominell höher als die in England, tatsächlich aber ihnen völlig gleich, das heißt ungefähr $ 5–6 die Woche, die 12 bis 16 Shilling in England entsprechen. Beachten Sie dabei, daß die Spinner und Weber jetzt alles Frauen sind oder Knaben von 15–18 Jahren. Was Kautskys Behauptung angeht, so hat er den Fehler gemacht, Dollar gleich Pfund Sterling zu setzen; um sie auf Mark umzurechnen, hat er mit 20 statt mit 5 multipliziert und so das Vierfache der richtigen Summe erhalten. Die Zahlen der Volkszählung („Compendium of the 10th census of the U.S., 1880“, Washington 1883, S. 1125: Specific Cotton Manufactures) sind:
| Arbeiter und Angestellte | 174 659 |
| davon ab: Angestellte, Geschäftsführer usw. | 2 115 |
| 172 544 Arbeiter | |
| Männer (über 16 Jahre) | 59 685 |
| Knaben (unter 16 Jahren) | 15 107 |
| Frauen (über 15 Jahre) | 84 539 |
| Mädchen (unter 15 Jahren) | 13 213 |
| 172 544 |
Gesamtlöhne $ 42 040 510 oder 243.06 per Kopf und Jahr, was mit meiner obigen Schätzung übereinstimmt, da, was die Männer mehr bekommen, durch das ausgeglichen wird, was Mädchen und Knaben weniger erhalten.
Wie tief die ökonomische Wissenschaft gesunken ist, beweist der von Lujo Brentano veröffentlichte Vortrag über „Die klassische Nationalökonomie“ (Leipzig 1888), in dem er proklamiert: Allgemeine oder theoretische Ökonomie ist wertlos, aber spezielle oder praktische Ökonomie ist alles. Wie in der Naturwissenschaft (!) müssen wir uns auf die Beschreibung von Tatsachen beschränken; und solche Beschreibungen sind von unendlich größerem Wert als alle Deduktionen a priori. „Wie in der Naturwissenschaft“! Das ist unbezahlbar im Jahrhundert von Darwin, Mayer, Joule und Clausius, im Jahrhundert der Entwicklungslehre und der Umwandlung der Energie!
Dank für die Nummer der „Русскія Вѣдомости“5 mit dem interessanten Artikel über die Unterbindung der statistischen Arbeiten der Semstwos. Es ist sehr schade, daß diese wertvolle Arbeit unterbrochen werden soll.
Ihr sehr ergebener
P.W.R[osher]
Aus dem Englischen.