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Engels an Laura Lafargue
in Le Perreux

London, 13.Okt. 88

Meine liebe Laura,

Endlich. Der Stapel Briefe, der, wie Paul es voraussah, mich hier erwarten würde und der wirklich erschreckend war, ist zum größten Teil weggeräumt, und ich kann mich hinsetzen, um Dir ein paar Zeilen zu schreiben.

Gleich zu Beginn etwas Klatsch. Als wir ankamen, erzählte Nim uns als erste Neuigkeit, daß Kautsky und seine Frau drauf und dran sind, sich scheiden zu lassen, daß K[autsky] sich in ein Mädchen der Salzburger Alpen verliebt hat, seine Frau davon unterrichtete und Louise ihn, soweit es sie betrifft, freigegeben hat. Wir waren alle wie vom Blitz getroffen. Ein Brief Louises an mich jedoch – ein wirklich heroischer Brief – bestätigte die Nachricht und sprach sogar mit einer bewunderungswürdigen Großherzigkeit K[autsky] aller Schuld ledig. Wir alle hier haben Louise immer lieber gewonnen und konnten nicht verstehen, daß K[autsky] solch ein Narr sein könne – und dazu ein so erbärmlicher; es sei denn, eine Intrige steckt dahinter, geplant von seiner Mutter und seiner Schwester (die beide Louise haßten), und er ist in die Falle gegangen. Aus allem, was wir erfahren können, scheint das wirklich der Fall gewesen zu sein. Das Mädchen ist eines Bezirksrichters1 Tochter, die sich offensichtlich nach einem Ehemann sehnt, und besonders nach einem, der sie nach Wien mitnehmen wird. K[autsky] flirtete mit ihr, während seine Frau in Wien war, um ihre kranke Mutter zu pflegen; und eines schönen Morgens wurde die Entdeckung gemacht, daß keiner ohne den anderen leben könne – die Schwester natürlich ließ hinter den Kulissen beide Puppen tanzen, während die Mutter vorgab, nichts zu sehen. Kurz, K[autsky] kam her, erzählte es Bernstein, verkaufte seine Möbel, nahm seine Bücher mit sich und kehrte mit seinem jüngeren Bruder Hans nach St.Gilgen in der Nähe Salzburgs zurück, dem Schauplatz obigen Dramas. Als die jugendliche Bella (so heißt sie) den ebenfalls jugendlichen Hans sah, ein flotter, strammer Bursch2, entdeckte sie sofort, daß sie in Karl wirklich nur Hans geliebt habe, und Hans revanchierte sich mit der einem jungen Wiener anstehenden Munterkeit; innerhalb von fünf Tagen waren sie verlobt, und Karl fand sich zwischen zwei Stühlen sitzend, die er selbst gestellt hatte. Karl hat in seiner Großzügigkeit beiden vergeben, doch die alte Mutter schäumt und droht, der jungen Frau ihr Haus zu verbieten – und dies wirft ein eigenartiges Licht oder vielmehr Schatten auf ihre vorgegebene Schuldlosigkeit an der Affäre.

Natürlich entdeckt Kautsky jetzt auf einmal, daß er während der letzten zwölf Monate mit Louise unglücklich gelebt habe (das heißt, seitdem seine Mutter und seine Schwester hier waren und einen Monat mit ihnen auf der Insel Wight verbracht haben), und auch Ede Bernstein will einige Disharmonie bemerkt haben, als er aus der Schweiz kam. Dies ist um so merkwürdiger, da zur selben Zeit, in der er sich mit ihr nicht verstehen konnte, wir alle hier sie immer lieber gewannen, je länger wir sie kannten; was beweist, daß sie nicht nur eine heroische Frau ist, denn das ist sie unzweifelhaft (und das sind gewiß nicht immer die besten für den Haushalt), sondern eine Frau, mit der vernünftige Leute auskommen können. Ich glaube und sagte es zu Nim: Das ist die größte Dummheit3, die K[autsky] je in seinem Leben begangen hat, und ich beneide ihn nicht um den moralischen Kater4, der bei all dem schließlich herauskommen wird (sans calembourg!5).

Bis jetzt ist die Sache nicht bekannt. Hier wissen nur Ede Bernstein und seine Frau, Nim und Schorl[emmer] davon, auch Tussy und Edward und wahrscheinlich ein oder zwei von Louises und Tussys gemeinsamen Freundinnen. Wie das alles enden wird, weiß ich nicht, doch ich vermute, K[autsky] wünschte, es wäre alles ein Traum gewesen.

Jetzt das Geschäftliche. Inliegend die Abrechnung vom „Kapital“ für die letzten 12 Monate, wonach ich Dir £ 2.8.9 schulde, und da Du gegenwärtig ziemlich knapp bei Kasse sein mußt, füge ich £ 15 hinzu – was einen Scheck auf insgesamt £ 17.8.9 ausmacht.

Nim teilt mir mit, daß das Mittagessen fertig wird, und deshalb höre ich auf und nutze den Rest der Seite für die Abrechnung.

Herzliche Grüße von Nim und

Deinem alten
General

Erhalten von S.Sonnenschein & Co.
für Gewinnanteile Juli 1887–Juni 1888
£ 12.3.9
1/5 Longuets Kinder£ 2.8.9
1/5 Laura Lafargue„ 2.8.9
1/5 Tussy„ 2.8.9
£ 7.6.3
Rest 2/5 für die Übersetzer„ 4.17.6„ 12.3.9
davon Sam Moore 3/5£ 2.18.6
E.Aveling 2/5„ 1.19.–
£ 4.17.6

Meißners Abrechnung habe ich noch nicht erhalten.

Aus dem Englischen.