London, 10. Okt. 88
Lieber Sorge,
Wir sind endlich vorigen Samstag1 vor 8 Tagen wieder hier angekommen, und habe ich Dir seitdem 2 „To-Days“, einen Haufen „Commonweals“ und heute einen Haufen „Gleichheiten“ mit 2 noch übrigen „Commonweals“ geschickt. Eine „Gleichheit“ fehlt, Ede Bernstein hat sie sich geholt, und ich habe sie noch nicht zurück.
Hier wenig Änderung, die nächste Nr. „Soz[ial]demokr[at]“ wird hier gedruckt. Sonst scheint aber auch gar nichts vorgefallen zu sein.
Die „City of New York“ ist ein humbug, bei ruhigem Wasser natürlich ruhig, wenn sie aber einmal ins Rollen geraten, bringt sie sobald niemand wieder heraus. Dabei die Maschinerie in miserablem Stand, eine Maschine arbeitete mit kaum halber Kraft, und die andre war infolge Überanstrengung auch alle Augenblick wacklig. Wir haben keinen Tag über 370 Knoten gemacht und einmal nur 313.
Soweit sich die politische Lage übersehn läßt, haben wir sie drüben ganz richtig beurteilt. Bismarck hat dem dummen Jungen Wilhelm2 so lange vorgeredet, daß er ein größerer alter Fritz3 ist, daß der Bengel das jetzt ernsthaft nimmt und „Kaiser und Kanzler in einer Person“ sein will. Jetzt läßt Bismarck ihn gewähren, damit er sich ernsthaft blamiert, um dann als rettender Genius einspringen zu können; inzwischen hat er dem schnoddrigen Bengel seinen Herbert4 beigegeben als Spion und Bewachung. Der Krakeel zwischen den zweien wird nicht lange auf sich warten lassen, und dann fängt der Spaß an.
In Frankreich blamieren sich die Radikalen an der Regierung mehr, als zu hoffen war. Gegenüber den Arbeitern verleugnen sie ihr ganzes eignes altes Programm und treten als reine Opportunisten auf, holen den Opportunisten die Kastanien aus dem Feuer, waschen ihnen die schmutzige Wäsche. Das wäre ganz vortrefflich, wäre nicht Boulanger und jagten sie nicht diesem die Massen fast zwangsmäßig in die Arme. Der Mann ist persönlich nicht sehr gefährlich, aber diese Massenpopularität jagt ihm die Armee vollständig zu, und da liegt eine ernsthafte Gefahr – ein momentanes Emporkommen dieses Abenteurers und als Rettung aus seiner Verlegenheit der Krieg.
Jonas hat sich also doch noch ganz geschickt aus der Schlinge gezogen und ein Interview fingiert in einer Weise, die ich nicht gut dementieren kann.
Mutter Wischnew[etzk]y ist wütend, daß ich „10 Tage in New York gewesen und nicht Zeit fand, die two hours easy railway journey5 zu ihr zu unternehmen, sie hatte doch so viel mit mir zu besprechen“. Ja, wenn ich nicht erkältet und mit Indigestion geplagt gewesen und wenn ich überhaupt 10 Tage hintereinander in New York gewesen wäre!
Herzliche Grüße an Deine Frau.
Dein alter
F. Engels