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Engels an Friedrich Adolph Sorge
in Hoboken

Montreal, 10. Sept. 1888

Lieber Sorge,

Gestern hier angekommen, nachdem wir zwischen Toronto und Kingston wegen Sturm (es war eine ganz lumpige Brise) umkehren und in Port Hope beilegen gemußt. So wurden aus den 2 Tagen von Toronto bis hier drei. Der Lorenz und die Stromschnellen sehr schön. Kanada ist reicher an verfallnen Häusern als irgendein Land außer Irland. Hier bemühen wir uns, das kanadische Französisch zu verstehn, that language beats Yankee English hollow1. Heut abend geht's nach Plattsburg und dann in die Adirondacks und wo möglich auch in die Catskills, so daß wir vor Sonntag2 schwerlich in New York zurück sein werden. Da wir Dienstag3 abend aufs Schiff müssen und noch verschiednes in New York zu sehn haben, auch grade in diesen letzten Tagen mehr alle zusammen sein müssen als sonst nötig, so werden Sch[orlemmer] und ich diesmal nicht nach Hoboken zu Dir ziehn können, so leid es uns tut, sondern mit A[veling]s ins St. Nicholas gehn müssen. Jedenfalls kommen wir zu Dir, Dich aufzusuchen, sobald wir dort sind. Es ist ein sonderbarer Übergang von den Staaten nach Kanada. Erst kommt's einem vor, als wär' man wieder in Europa, dann meint man, man wäre in einem positiv zurückgehenden und verkommenden Land. Es zeigt sich hier, wie notwendig zur raschen Entwicklung eines neuen Landes der fieberhafte Spekulationsgeist der Amerikaner ist (kapitalistische Produktion als Basis vorausgesetzt), und in zehn Jahren wird dies schläfrige Kanada zur Annexion reif sein – die Farmer in Manitoba etc. werden sie dann selbst verlangen. Das Land ist ohnehin schon halb annektiert in sozialer Beziehung – Hotels, Zeitungen, Reklamen etc., alles nach amerikanischem Muster. Und sie mögen sich zerren und sträuben, die ökonomische Notwendigkeit der Infusion von Yankeeblut wird sich durchsetzen und diese lächerliche Grenzlinie abschaffen – und wenn die Zeit gekommen ist, wird John Bull Ja und Amen dazu sagen.

Dein
F. E.