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Engels an Laura Lafargue
in Le Perreux

London, 15. Juli 1888

Meine liebe Laura,

Du fragst, weshalb Schorlemmer nicht auch kommen kann, und Du hoffst, Pumps in Le Perreux zu sehen. Nun, ich befürchte, Dein Wunsch wird erfüllt und Deine Frage mehr als genug beantwortet werden.

Nachdem Pumps' Junge außerordentlich schnell genesen ist, kam man am letzten Montag zu überraschenden Entschlüssen, und am Mittwoch machte sich die ganze Gesellschaft – Jollymeier, Nim und Pumps – auf den Weg nach Deutschland. Pumps zu Paulis, Nim nach St. Wendel. Und dann sollen Pumps und Sch[orlemmer], wie es hier vereinbart wurde, Nim aus St. Wendel abholen und alle drei nach Paris fahren, wo sie vermutlich am 29. oder 30. Juli eintreffen werden – sie werden Dir aber Bescheid geben. Nim und Sch[orlemmer] müssen Sonnabend, den 4. August, wieder hier sein; Pumps sprach davon, von Paris nach St.-Malo und Jersey zu fahren, wohin Percy die Kinder bringen will.

Wie Du es anstellen willst, die ganze Gesellschaft unterzubringen, übersteigt meine Vorstellung. Aber Nim meinte, Du würdest diese Schwierigkeiten schon meistern. Auf jeden Fall wirst Du hierfür etwas Geld nötig haben, und ich werde nicht versäumen, es Dir rechtzeitig zu schicken.

Gestern abend traf Dein Brief mit Longuets Dokument ein – zu gleicher Zeit mit Edward, den seine Stückeschreiberei wieder nach London gebracht hat. Er wird heute zwei Stücke vor unternehmungslustigen Schauspielern lesen (Alma Murray ist eine von ihnen), die in etwas Neuem Geld anlegen wollen. Natürlich macht Longuet wieder seine Rechnung ohne den Wirt, da Edward und Tussy für mindestens zwei Monate nach Amerika gehen und ich meine Ferien nehmen werde, sobald Nim zurückkommt. Wenn er Jean bei Nim in meinem Hause lassen möchte – in Ordnung; Nim würde sich über seine Gesellschaft freuen; doch es fragt sich, ob Longuet das beabsichtigt. Auf jeden Fall wird Tussy Dir das plaidoyer zurückschicken und schreiben, und Du und Nim, Ihr könnt das übrige regeln.

Was für einen üblen Brei haben Boulanger und Floquet doch da neulich zusammen angerührt: Boulangers coup de théâtre, bis ins kleinste Detail vorbereitet und doch mißlungen, weil er seine Rolle nicht bis zu Ende spielen konnte – Floquets Wut und Ausfall, wo eine kühle Erwiderung angebracht gewesen wäre – die Beleidigungen, das Duell und le beau, le brave général1 durch einen avocat bezwungen! Zweifellos, wenn das Zweite Kaiserreich eine Karikatur des Ersten war, so wird die Dritte Republik zu einer Karikatur nicht der Ersten, sondern vielmehr der Zweiten. Wollen wir jedenfalls hoffen, daß dies das Ende Boulangers ist, denn wenn die Popularität dieses Narren andauerte, würde sie den Zar2 in die Arme Bismarcks treiben, und das wollen wir ebensowenig wie den russisch-französischen Revanchekrieg. Wenn die Volksmassen in Frankreich durchaus einen leibhaftigen Gott haben wollen, sollten sie sich lieber nach einem anderen Mann umsehen, dieser macht sie lächerlich. Aber es ist überdies klar, daß dieser Wunsch nach einem sauveur de la société3, falls wirklich in den Massen vorhanden, nur eine andere Form des Bonapartismus ist, und deshalb kann ich mich beim besten Willen nicht zu dem Glauben aufraffen, daß er so tief verwurzelt und vraiment populaire4 sei, wie das manche Leute behaupten. Daß unsere Leute die Radikalen bekämpfen – gut und schön, das ist eine ihnen zukommende Aufgabe, aber laßt sie mit ihnen kämpfen unter ihrer eigenen Flagge. Da eine journée5 nur mit Hilfe der Radikalen möglich ist (wie bei der Wahl Carnots) – solange das Volk unbewaffnet –, können sich unsere Leute jetzt nur an die Wahlurne halten, auch sehe ich keinen Vorteil darin, den Verstand der Wähler durch diesen plebiszitären Boulangismus zu verwirren. Unsere Sache ist es nicht, zu komplizieren, sondern vielmehr zu vereinfachen und die Streitfragen zwischen den Radikalen und uns klarzulegen. Das wenige Gute, das Boulanger tun konnte, hat er getan, und das Beste, was er vollbracht hat, war, die Radikalen an die Macht zu bringen. Eine Auflösung wäre eine gute Sache – solange eine radikale Regierung am Ruder ist, auf die wir einen Druck ausüben können; doch Boulanger scheint mir am wenigsten geeignet, diese Auflösung herbeizuführen.

Nach zwei schönen Tagen regnet es hier seit heute morgen wieder in Strömen. Das ist wirklich eine Lösung – der Sommer löst sich in Regenwasser auf –, was einen zur Auflösung und zum Trinken treibt. In der Tat werde ich eine Flasche Pilsner öffnen und auf Deine Gesundheit trinken.
Bien à vous6 F. E.

Aus dem Englischen.