London, 3. Juni 1888
Meine liebe Laura,
Es tut mir sehr leid, daß Du keine Möglichkeit siehst, um eben jetzt zu kommen; daß der Waldmeister in Deinem Garten nicht geraten ist, hätte keine Rolle gespielt, denn Nim hat welchen bekommen, und wir werden ihn heute abend probieren. Es wäre so schön, wenn Du hier sein könntest, um daran teilzuhaben. Wir haben sechs Flaschen Moselwein, die wir heute abend opfern wollen.
Unsere Züricher Freunde beginnen sich etwas an die Londoner Verhältnisse zu gewöhnen, und es wird auch Zeit, denn ihre Vorstellungen von den Möglichkeiten, sich hier niederzulassen, waren ungewöhnlich kleinstädtisch1. Ich hoffe, daß in der nächsten Woche die prinzipiellen Fragen über Lokalität usw. geregelt sind, dann wird es weniger Schwierigkeiten und Diskussionen geben.
Pauls Argumente wegen Boulanger sind dem französischen Ruf ziemlich abträglich. Erst sagt er, c’est un mouvement populaire2, doch nicht gefährlich, da B[oulanger] ein Esel ist. Doch was soll man von einem peuple capable d’un mouvement populaire3 zugunsten eines Esels, denken? Das erklärt er so: En France on patauge pendant un temps donné dans un semblant de parlementarisme, puis on réclame un sauveur, un gouvernement personnel ... en ce moment on réclame un sauveur et B[oulanger] se présente4. Das soll heißen: die Franzosen sind so, daß ihre wirklichen Bedürfnisse ein bonapartistisches régime erfordern, während ihre idealistischen Illusionen republikanisch sind und nicht über den Parlamentarismus hinausgehen. Nun, wenn die Franzosen keinen anderen Ausweg finden als entweder eine Regierung der persönlichen Macht oder eine parlamentarische Regierung, können sie es gleich aufgeben. Was ich von unseren Leuten erwarte, ist, zu beweisen, daß es einen realen dritten Weg außer diesem vermeintlichen Dilemma gibt – das nur für die gewöhnlichen Philister ein Dilemma darstellt – und daß sie die verworrene philisterhafte und au fond5 chauvinistische boulangistische Bewegung nicht als wirkliche Volksbewegung betrachten. Die chauvinistische Forderung, daß sich die ganze Weltgeschichte nur in der Wiedererlangung des Elsaß durch Frankreich erschöpfen solle und daß sich bis dahin nichts ereignen dürfe – dieser Forderung beugten sich unsere Freunde in Frankreich zu sehr, es gibt da faktisch keine Ausnahme, und das ist das Ergebnis. Weil B[oulanger] diese Forderung mit einbezieht, die alle Parteien stillschweigend anerkannt haben, ist er mächtig. Seine Gegner – die Clemenceau und Co. – widersprechen dieser Forderung nicht, sie wagen das nicht, aber sie sind zu feige, es offen zu proklamieren, und deshalb sind sie schwach. Und weil die Bewegung im Grunde chauvinistisch ist und nichts anderes, darum spielt sie Bismarck in die Hand, der nur zu froh wäre, diesen armen Teufel Fritz6 in einen Krieg zu verwickeln. Und das alles zu einer Zeit, da selbst unter den deutschen Philistern die Erkenntnis dämmert: je eher sie das Elsaß loswerden, desto besser, und wo Bismarcks verrückte Paßverordnungen ein offenes Eingeständnis dafür sind, daß das Elsaß französischer denn je ist!
Die Revolution in unserem Haushalt, die ich seit mehr als einem Jahr herbeizuführen versuche, ist endlich vollbracht. Gestern abend ging Annie, nachdem ich ihr gekündigt habe, und wir haben jetzt ein anderes Mädchen. Nim wird endlich nicht mehr arbeiten müssen, als sie wirklich möchte, und wird morgens ausschlafen können.
Inliegend der Scheck, um den Paul gebeten hat. Da es Samstag ist, muß ich schließen, bevor die Gäste kommen.
Immer herzlich Dein
F. Engels
Denk daran, daß Du in diesem Sommer oder spätestens im Herbst kommen mußt!
Aus dem Englischen.