London, 9. Mai 88
Meine liebe Laura,
Ich habe soeben, nach vielen Unterbrechungen, ein längeres Vorwort1 zur englischen Ausgabe von Mohrs Rede über den Freihandel (Brüssel 1848) beendet, das in New York herauskommen soll, und da dies das letzte Stück Arbeit war, das innerhalb einer festgesetzten Frist getan werden mußte, mache ich Gebrauch von meiner wiedererlangten Freiheit, um Dir sofort zu schreiben. Und ich habe auch eine ziemlich wichtige Angelegenheit, über die ich Dir schreiben muß, nämlich – daß wir Dich hier in London brauchen. Wie ich von Schorlemmer höre, hast Du in Deinem Garten etwas Waldmeister2 angebaut, und da es uns völlig unmöglich sein wird, hinüberzukommen und ihn dort zu verbrauchen, so bleibt nichts anderes übrig, als daß Du hierherkommst und ihn mitbringst; die anderen Zutaten sollen rechtzeitig und schnell gefunden werden. Das Wetter ist prächtig, am Sonnabend, dem Geburtstag von Mohr, gingen Nim und ich nach Highgate, und heute waren wir in Hampstead Heath; ich habe beim Schreiben beide Fenster geöffnet. Und wenn Du dann kommst, was, so hoffe ich, nächste Woche geschehen wird, werden wir Flieder und Goldregen zu Deinem Empfang bereithalten. Wenn Du nur antwortest, daß Du kommen willst, je me charge du reste3. Außerdem wirst Du bis dahin Euer Landhaus und den Garten in einen so vortrefflichen Zustand versetzt haben, daß Du sie der Obhut Pauls überlassen kannst, der schon ein vollendeter Gärtner geworden sein muß. Nim sehnt sich seit einiger Zeit nach Löhr, und gewiß solltest Du bei Edwards großem dramatischen Triumph am 5. Juni zugegen sein, wenn seine Dramatisierung von N.Hawthornes „Scarlet Letter" auf einer matinée zum erstenmal aufgeführt wird. Und ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, daß ich, genau wie alle anderen, Dich hier haben möchte.
Außerdem gibt es für Dein Kommen so viele andere Gründe, daß ich von ihrer Aufzählung hier Abstand nehmen muß, aus Angst, ich könnte die Post verpassen und Dich durch Langeweile töten. Also entschließe Dich sofort, und sage zu.
Von Edwards bemerkenswerten bisherigen Erfolgen auf dramatischem Gebiet wirst Du gehört haben. Er hat ungefähr ein halbes Dutzend oder mehr Stücke verkauft, die er in aller Stille fabrizierte; einige davon wurden mit Erfolg in der Provinz gespielt, andere hat er selbst mit Tussy auf kleinen Abenden vorgetragen, und sie haben den Leuten, die am meisten daran interessiert sind, nämlich solchen Schauspielern und Impresarios, die sie aufführen wollen, sehr gefallen. Sollte er jetzt in London einen beachtlichen Erfolg erringen, ist er auf diesem Gebiet ein gemachter Mann und wird bald aus allen Schwierigkeiten heraus sein. Und ich sehe nicht ein, warum ihm das nicht gelingen sollte, er scheint bemerkenswertes Geschick zu haben, London das zu bieten, was London braucht.
Pauls Artikel im „Intransigeant" war wirklich sehr gut. Er hat es fertiggebracht, die Radikalen zu treffen, ohne dem Boulangismus die geringste Konzession zu machen, und mit der Forderung nach allgemeiner Bewaffnung hat er ihre Pläne durchkreuzt. Dies geschah mit großem Takt.
Hast Du gehört, daß Fritz Beust verlobt ist – mit einem italienisch-schweizerischen Mädchen aus Castasegna, dicht an der Grenze zur Lombardei. Ich weiß nicht, wer sie ist, das werden wir bald von unseren Züricher Freunden erfahren, die in weniger als vierzehn Tagen hier erwartet werden. Vielleicht siehst Du Bernstein in Paris auf seiner Durchreise; er kann jeden Tag dort eintreffen. Ich bin neugierig, wie sie hier mit der Zeitung zurechtkommen werden. Aus vielerlei Gründen ist London nicht der beste Ort dafür, obgleich es zur Zeit vielleicht der einzige ist. Wir werden ja sehen, und im allgemeinen regeln sich die Dinge auf ihrer natürlichen Ebene.
Pauls „Victor Hugo" in der „Neuen Zeit" ist sehr gut. Ich möchte gern wissen, was sie in Frankreich sagen würden, wenn sie es lesen könnten.
Der große Stead hat sich nach Petersburg begeben, um den Zar4 zu interviewen und ihn zu bewegen, die Wahrheit über Frieden oder Krieg zu sagen. Ich schicke Dir seine Pariser Interviews; der profunde Mann verließ Paris genauso klug, wie er es betreten hatte. Die Russen werden ihm genügend schmeicheln; ich fürchte, er wird aus Petersburg als ein noch größerer Esel zurückkommen, als er es jetzt schon ist. Vielleicht können wir in den heutigen Abendzeitungen lesen, daß er Bismarck sondiert hat.
Die Rumänen sind sonderbare Leute. Ich schrieb an Nădejde in Jassy einen Brief5, in dem ich versuchte, sie auf die antirussische Linie zu lenken. Jetzt streiten sich die Jassyer Marxisten mit den Bukarester Anarchisten wegen der von den Russen angezettelten Bauernrevolte, und deshalb übersetzen und drucken sie meinen Brief sofort! Diesmal tut es mir nicht leid, doch es zeigt, was für indiskrete Kerls sie sind.
Nicht nur das Papier ist zu Ende, sondern auch die Zeit – 5.20 p.m., und Nim wird sofort läuten, und in 10 Minuten schließt die Post. Deshalb Lebewohl für heute, und sage doch, daß Du kommst!
Herzlich Dein
F. Engels
Aus dem Englischen.