[London, Anfang April 1888]
Verehrte Miss H[arkness],
Ich danke Ihnen sehr für die Übersendung Ihres „City girl“ durch Messrs. Vizetelly. Ich habe es mit dem größten Vergnügen und mit Heißhunger gelesen. Es ist wirklich, wie mein Freund Eichhoff, Ihr Übersetzer, es nennt, ein kleines Kunstwerk1; er fügt hinzu – was für Sie eine Genugtuung sein wird –, daß infolgedessen seine Übersetzung nahezu wörtlich sein muß, da jede Auslassung oder versuchte Änderung den Wert des Originals nur beeinträchtigen könnte.
Was mich neben seiner realistischen Wahrheit an Ihrem Roman am meisten beeindruckt, ist die Tatsache, daß sich in ihm der Mut des echten Künstlers zeigt. Nicht nur in der Art, wie Sie die Heilsarmee behandeln, dem hochnäsigen Philistertum zum Trotz, das vielleicht aus Ihrem Roman zum erstenmal erfahren wird, warum die Heilsarmee einen solchen Einfluß auf die Volksmassen hat; sondern hauptsächlich in der einfachen, ungeschminkten Weise, in der Sie die alte, alte Geschichte vom Proletariermädchen, das von einem Mann aus dem Bürgertum verführt wurde, zum Angelpunkt des ganzen Buches machen. Mittelmäßigkeit hätte sich verpflichtet gefühlt, die für sie abgedroschene Fabel unter einem Haufen von künstlichen Verwicklungen und Ausschmückungen zu verbergen, und wäre dennoch dem Schicksal, ertappt zu werden, nicht entgangen. Sie fühlten, daß Sie es sich leisten konnten, eine alte Geschichte zu erzählen, weil Sie in der Lage waren, sie zu einer neuen zu machen, indem Sie sie einfach aufrichtig erzählten.
Ihr Mr. Arthur Grant ist ein Meisterstück.
Wenn ich etwas zu kritisieren habe, so wäre es dies, daß der Roman vielleicht doch nicht realistisch genug ist. Realismus bedeutet, meines Erachtens, außer der Treue des Details die getreue Wiedergabe typischer Charaktere unter typischen Umständen. Nun sind Ihre Charaktere in ihrer Art typisch genug, aber die Umstände, die sie umgeben und die sie veranlassen zu handeln, sind es vielleicht nicht in gleichem Maße. Im „City girl“ erscheint die Arbeiterklasse als eine passive Masse, die unfähig ist, sich selbst zu helfen und nicht einmal danach zu streben versucht, sich selbst zu helfen. Alle Versuche, sie aus ihrem stumpfen Elend herauszuziehen, kommen von außen, von oben. War dies nun eine zutreffende Schilderung um 1800 oder 1810, in den Tagen Saint-Simons und Robert Owens, so kann sie als solche nicht im Jahre 1887 einem Manne erscheinen, der fast 50 Jahre lang die Ehre gehabt hat, an den meisten Kämpfen des streitbaren Proletariats teilzunehmen. Die rebellische Auflehnung der Arbeiterklasse gegen das Milieu der Unterdrückung, das sie umgibt, ihre Versuche – konvulsivisch, halbbewußt oder bewußt –, ihren Status als menschliche Wesen wiederzuerlangen, gehören zur Geschichte und müssen darum auf einen Platz im Bereich des Realismus Anspruch erheben.
Ich bin weit davon entfernt, darin einen Fehler zu sehen, daß Sie keinen Roman geschrieben haben, der offen und direkt sozialistisch ist – einen „Tendenzroman“, wie wir Deutschen es nennen –, um die sozialen und politischen Anschauungen des Autors zu verherrlichen. Das ist es keineswegs, was ich meine. Je mehr die Ansichten des Autors verborgen bleiben, desto besser für das Kunstwerk. Der Realismus, von dem ich spreche, kann sogar trotz der Ansichten des Autors in Erscheinung treten. Gestatten Sie mir ein Beispiel. Balzac, den ich für einen weit größeren Meister des Realismus halte als alle Zolas passés, présents et à venir2, gibt uns in „La Comédie humaine“ eine wunderbar realistische Geschichte der französischen „Gesellschaft“, indem er in der Art einer Chronik fast Jahr für Jahr von 1816 bis 1848 die fortschreitenden Einbrüche der aufsteigenden Bourgeoisie in die Gesellschaft der Adligen schildert, die sich nach 1815 rekonstituierte und, soweit sie es vermochte, den Standard der vieille politesse française3 wieder herstellte. Er schildert, wie die letzten Überreste dieser für ihn musterhaften Gesellschaft allmählich dem Eindringen des vulgären, reichen Emporkömmlings nachgaben oder von ihm zersetzt wurden; wie die grande dame4, deren eheliche Untreue nur eine Methode darstellte, um sich Geltung zu verschaffen, die mit der Art und Weise, wie sie verheiratet worden war, vollkommen im Einklang stand, der Bürgersfrau Platz machte, die ihrem Ehemann für Geld oder Garderobe Hörner aufsetzte; und um dieses zentrale Bild gruppiert er eine vollständige Geschichte der französischen Gesellschaft, aus der ich, sogar in den ökonomischen Einzelheiten (zum Beispiel der Neuordnung des beweglichen und unbeweglichen Eigentums nach der Revolution), mehr gelernt habe als von allen berufsmäßigen Historikern, Ökonomen und Statistikern dieser Zeit zusammengenommen. Gewiß, Balzac war politisch ein Legitimist; sein großes Werk ist ein ständiges Klagelied über den unaufhaltsamen Verfall der guten Gesellschaft; all seine Sympathien gehören der Klasse, die zum Untergang verurteilt ist. Aber trotz alledem ist seine Satire niemals schärfer, seine Ironie niemals bitterer, als dann, wenn er eben die Männer und Frauen in Bewegung setzt, mit denen er zutiefst sympathisiert – die Adligen. Und die einzigen Leute, von denen er immer mit unverhohlener Bewunderung spricht, sind seine schärfsten politischen Gegner, die republikanischen Helden vom Cloître Saint-Méry, die Männer, die zu dieser Zeit (1830 bis 1836) in der Tat die Vertreter der Volksmassen waren. Daß Balzac so gezwungen war, gegen seine eigenen Klassensympathien und politischen Vorurteile zu handeln, daß er die Notwendigkeit des Untergangs seiner geliebten Adligen sah und sie als Menschen schilderte, die kein besseres Schicksal verdienen; und daß er die wirklichen Menschen der Zukunft dort sah, wo sie damals allein zu finden waren – das betrachte ich als einen der größten Triumphe des Realismus und als einen der großartigsten Züge des alten Balzac.
Ich muß zu Ihrer Verteidigung zugeben, daß nirgends in der zivilisierten Welt die Arbeiterschaft weniger aktiv Widerstand leistet, passiver sich dem Schicksal ergibt, mehr hébétés5 ist als im Londoner East End. Und wie kann ich wissen, ob Sie nicht sehr gute Gründe hatten, sich diesmal mit einem Bild der passiven Seite des Lebens der Arbeiterklasse zu begnügen, während Sie die aktive Seite einem anderen Werk vorbehielten?
Aus dem Englischen.