London, den 19. März 88
Mein lieber Lafargue,
Ich schicke Ihnen einen „Weekly Dispatch“, der Sie über die Ursachen aufklären wird, die „Freund Fritz“1 so hart arbeiten lassen. Bismarck würde zwei Jahre seines Lebens dafür geben, wenn es ihm gelänge, ihn, den Fritz – so weit zu bringen, seine Unfähigkeit zum Regieren zuzugeben. Darum macht man ihm die Hölle heiß, und daher muß Fritz schwitzen. Die Intrige dauert schon lange, es ging darum, den Fritz vor dem Tode des Alten2 völlig auszuschalten; das ist fehlgeschlagen, nun versucht man, ihn mit Arbeit, mit Repräsentationspflichten usw. umzubringen. Alles das muß zu einem offenen Bruch führen, falls Fritz nicht zu früh unterliegt; wenn er sich während des Sommers ein wenig bessert und eine Umbildung der Ministerien vornimmt, haben wir viel gewonnen. Die Hauptsache ist, daß die Stabilität der Innenpolitik erschüttert wird, daß der Philister sein Vertrauen in die Beständigkeit des Bismarckschen Regimes verliert, daß er sich einer Situation gegenübersieht, wo er, der Philister, sich entschließen und handeln muß, statt alles der Regierung zu überlassen. Der alte Wilhelm war der Schlußstein des Gebäudes, der ist ausgebrochen, und das ganze Gebäude droht einzustürzen. Wir brauchen den Fritz noch mindestens sechs Monate, um es noch mehr zu erschüttern; um die Philister und die Beamten hinsichtlich der Zukunft unsicher zu machen; um die Möglichkeit einer anderen Innenpolitik auftauchen zu lassen. Der Fritz ist weich, sogar bei guter Gesundheit hält er sich an die Meinung desjenigen, der das letzte Wort hat, und das ist im allgemeinen seine Frau3. Nur die Intrigen Bismarcks und seines eigenen Sohnes4 werden ihn zwingen, zu handeln. Findet erst einmal ein Frontenwechsel statt, bedeutet es wenig, ob er längere oder kürzere Zeit dauert, Wilhelm II. wird immer unter für uns günstigen Umständen an die Macht kommen. Andererseits wird, wenn der Fritz vorher stirbt, Wilhelm II. nicht mehr Wilhelm I. sein, und wir werden auch eine Wende der bürgerlichen Meinung erleben. Dieser junge Mann wird gewiß Dummheiten begehen, die man ihm nicht verzeihen wird wie dem Alten. Wenn die Ärzte seinem Vater den Hals abschneiden, könnte er, der Sohn, ein ähnliches Schicksal haben, aber durch andere Hände. Übrigens ist er nicht gelähmt. Der Arm wurde ihm bei der Geburt gebrochen, man hat es nicht gleich gemerkt, und das ist die Ursache für die Atrophie des Arms. Auf alle Fälle ist das Eis gebrochen; die Kontinuität in der Innenpolitik ist gestört, und es wird Bewegung geben statt Stagnation. Das ist alles, was wir brauchen. Der Boulanger ist sicherlich ein wenig Scharlatan, aber das beweist nicht, daß er eine Null ist. Er hat militärische Klugheit bewiesen, die Scharlatanerie kann ihm in der französischen Armee nützlich sein, Napoleon hatte auch eine gute Portion davon. Aber politisch scheint er unfähig zu sein, vielleicht durch übermäßigen Ehrgeiz. Sicher ist, wenn die Franzosen jede Aussicht verlieren wollen, die verlorenen Provinzen zurückzubekommen, so brauchen sie nur den Freunden Boulangers zu folgen und besonders Rochefort, der vollkommen verrückt zu sein scheint. Es bedarf nur eines verlorenen Revanchekrieges, um die Schafsköpfe von Elsässern mit Deutschland auszusöhnen, die Bauern sind Landsknechte, die immer mit Vorliebe in der Armee des Siegers dienen, und die Bourgeois finden ihre Gewinne durch den deutschen Tarif ebenso gesichert wie durch den französischen. Was die Russen angeht, so werden sie sicherlich geschlagen werden, ich habe gerade ihren Feldzug in der Türkei 1877–78 studiert, da kamen auf 98 unfähige 2 einigermaßen gute Generale, die Armee war äußerst schlecht organisiert, mit Offizieren unter jeder Kritik, mit tapferen, an außerordentliche Strapazen gewöhnten Soldaten (sie haben bei minus 10 Grad Réaumur Furten passiert, in denen ihnen das Wasser bis zur Achselhöhle ging), sehr gehorsamen, aber auch sehr ungeschickten Soldaten für den in unserer Zeit einzig möglichen Kampf des Scharmützels. Ihre Stärke war der Kampf in geschlossenen Reihen, den gibt es nicht mehr, und wer ihn wieder führen will, wird vom Feuer der modernen Waffen hinweggefegt. Aber wenn Boulanger Euch von der Listenwahl befreit, werden wir ihm eine Vendôme-Säule errichten, ohne daß er sie sich auf dem Schlachtfeld verdienen mußte. Tussy und Edward fahren Donnerstag auf ihr Schloß in Stratford-on-Avon, Kautskys folgen ihnen. Das muß schön sein, eine labourer’s cottage5 bei der Kälte und dem Wind und den zeitweiligen Schneefällen, die wir haben. Wir haben hier den Winter sehr gut überstanden, bis wir vor acht Tagen einen strahlenden und warmen Frühlingstag hatten, dem Eis, Nordostwind und Schnee folgten. Das hat Nim den Mumps, alias Ziegenpeter eingebracht und mir einen grippeartigen Schnupfen, Dinge, die bei diesem Wetter schwer zu kurieren sind. Aber sie belästigen nicht allzusehr. Ich schicke Ihnen inliegend den Scheck über £ 15. Viele Grüße an Laura. Wie geht es Longuet und den Kindern? Nim fragt mich stets nach ihnen, sobald ein Brief aus Paris ankommt.
Freundschaftlichst Ihr
F. E.
Aus dem Französischen.