London, 25. Febr. 1888
Meine liebe Laura,
Nachdem ich die letzten Korrekturen des „Manifests“ abgeschickt habe, habe ich gerade noch eine halbe Stunde Zeit bis Postschluß, um Dir ein Lebenszeichen zu geben. Ich hoffe, Ihr habt besseres Wetter als wir hier: nichts als scharfe Ostwinde, Frost, Schneeschauer, von einigen Stunden Tauwetter unterbrochen. Sehr ungemütlich bei diesem englischen System von Kaminen, doch schließlich kann dieses Wetter nicht ewig anhalten.
Ich habe in der letzten Zeit die „P[all] M[all] G[azette]“ nicht geschickt, weil buchstäblich nichts drin steht. Es ist ein ausschließlich lokales Londoner Blatt und deshalb todlangweilig, wenn in London nichts passiert.
Bebel und Singer errangen im Reichstag1 nicht nur in der ersten, sondern auch in der dritten Lesung des Gesetzentwurfs einen brillanten Sieg. Das war genauso wie O’Briens Sieg über Balfour (der durch und durch ein schottischer Puttkamer ist). Die meisten unserer Leute waren vorigen Montag auf dem Meeting, wo C[unninghame]-Graham und Burns bewillkommenet wurden; O’Br[ien] sprach dort wieder und sehr gut. Cunninghame-Graham, der bereits zuvor in Glasgow öffentlich erklärt hatte, daß er „absolut und vollständig“ auf dem Boden von K. Marx stehe, proklamierte hier wieder die Nationalisation aller Produktionsmittel. Also sind wir auch im britischen Parlament vertreten. Hyndman, den man nicht zum Reden aufgefordert hatte, ließ sich von einigen seiner Leute rufen, nahm von dem Podium Besitz, jedoch nur, um einige anwesende radikale Mitglieder des Parlaments – geladene Gäste – heftig und persönlich anzugreifen, die, nebenbei bemerkt, vorher von anderen genügend über ihre Unzulänglichkeiten zu hören bekommen hatten. Dieser Angriff von H[yndman] war jedoch so ungerechtfertigt und fehl am Platze, daß er niedergebrüllt wurde.
Du wirst gehört haben, daß Reuß Morris wegen Verleumdung verklagt hat, weil er ihn im „Commonweal“ als Spion denunziert hat. Offensichtlich die Arbeit der Bismarckschen Gesandtschaft. M[orris] war zuerst sehr ängstlich, weil er keine Beweise zur Hand hatte, doch ich glaube, wir haben seitdem genügend Beweise herbeigeschafft, um Puttkamer und Co. eine Niederlage zu bereiten, wenn sie darauf beharren, was ich bezweifle. Ich glaube nicht, daß Reuß es riskiert, in den Zeugenstand zu gehen; Meineide sind nur regulären britischen Polizeikonstablern erlaubt.
Nim möchte, daß ich Dich wieder bitte, Longuet einen Hinweis zu geben, daß er lieber beginnen soll, etwas von dem Geld zurückzuzahlen. Sie scheint in diesem Punkt sehr empfindlich zu sein.
Wird es Krieg geben? Wenn ja, dann wird es die größte Dummheit sein, die der Zar2 und die französischen chauvins3 begehen. Ich habe letztens die militärischen Chancen studiert. Wenn Bismarck sagt, daß Deutschland 2½–3 Millionen gediente und hinreichend mit Offizieren versehene Truppen stellen kann, ist das eher unter- als übertrieben. Rußland wird in der Tat niemals eine Million auf dem Kriegsschauplatz haben, und Frankreich kann 1¼–1½ Millionen gediente und hinreichend mit Offizieren versehene Truppen stellen; für mehr werden Offiziere und Unteroffiziere entweder fehlen oder untauglich sein. Also wird Deutschland allein imstande sein, wenigstens eine Zeitlang, einem Angriff von beiden Seiten gleichzeitig Widerstand zu leisten. Der große Vorteil Deutschlands liegt in der größeren Zahl gedienter Leute, besonders von Unteroffizieren und Offizieren. Was die Qualität der Linientruppen betrifft, werden die Franzosen den Deutschen völlig ebenbürtig sein; darüber hinaus ist die deutsche Landwehr weitaus besser als die französische Territorialarmee. Die Russen halte ich für schlechter, als sie es sonst waren; sie haben ein System der allgemeinen Wehrpflicht angenommen, für das sie nicht genügend zivilisiert sind und wofür es ihnen zweifellos an guten Offizieren mangelt. Die Korruption herrscht dort wie eh und je – und wird wahrscheinlich auch auf französischer Seite, urteilen wir nach den Wilsoniaden und anderen Skandalen, eine gewisse Rolle spielen.
Jollymeier ist sehr traurig, daß Du ihm noch keine Zeile mit jener Goldfeder geschrieben hast. Tut er Dir nicht leid? Er wird in etwa vier Wochen wieder hier sein, zu Ostern, das in diesem Jahr auf Bismarcks Geburtstag alias Narrentag4 fällt. Das ist auch der richtige Name dafür, nachdem die Menschen seit 1800 Jahren dumm genug sind, solch einen phantastischen Feiertag zu begehen.
Mich deucht, ich höre eine gewisse Glocke mich zum Verzehr von – ich glaube wohl, Kalbskoteletts – rufen. Lebe wohl für heute, und mögen die Hosen Pauls mit ihrer Überlänge auch ihren Geruch sauren Kleisters verlieren – ein Parfüm, das einem alten Manchestermaun leider nur zu gut bekannt ist!
Immer Dein
F. Engels
Aus dem Englischen.