London, 23. Febr. 88
Lieber Liebknecht,
Die Sozialistengesetz-Debate war der größte Triumph, den wir noch auf parlamentarischem Gebiet erfochten haben, und tut es mir nur leid, daß Du nicht dabeisein konntest. Das wird nun wohl nicht lange mehr dauern, Du wirst doch nächstens an Hasencl[evers] Stelle rücken.
Wir haben auch einen Puttkamer hier – den Balfour, Sekretär für Irland. Wie P[uttkamer] des Bism[arcks] Vetter, so ist Balfour Salisburys Neffe. Ganz so schnoddrig vorlaut, junkermäßig hochnäsig wie Puttk[amer]. Wird auch ebenso verhauen, und klappte vorige Woche unter den Hieben O’Briens ebenso zusammen wie P[uttkamer] unter denen unsrer Leute. Ist auch den Irländern ebenso nützlich wie der Putt[kamer] uns. Übrigens erfährst Du aus dem elenden „Saturday Review“, wenn Du’s noch hältst, gar nichts über hier, für alles Wichtige herrscht da conspiration du silence1.
Die Rede Bism[arck]s war direkt an den Zar Alexander gerichtet, damit der Gefangne von Gatschina doch endlich mal die Wahrheit erfahre. Ob’s was hilft, fragt sich. Die Russen reiten sich in ihrer Unentschlossenheit immer tiefer hinein und können am Ende nicht mehr mit Ehren zurück. Das ist die Gefahr. Sonst sind sie die größten Esel, wenn sie Krieg machen. Es ist wieder:
Κροῖσος, Ἅλυν διαβάς, μεγάλην δύναμιν διαλύσει.2
Sie bringen keine Million Mann an die Grenze und haben für mehr nicht Offiziere genug. Frankreich stellt 1¼ Million sehr guter Truppen, hat aber nicht mehr an gedienten Leuten und noch weniger Offiziere für mehr. Mit 2½ Mill. gedienter und hinreichend mit Offizieren und Unteroffizieren versehener Truppen hat Bism[arck] die Stärke Deutschlands allein noch zu niedrig angegeben. Es ist auch gut, daß es so ist. Ehe in Rußland die Revolution im Gang, darf Bismarck nicht durch äußere Niederlage gestürzt werden. Das würde ihn nur wieder populär machen.
Was aber aus der Sache wird, wenn es wirklich zum Krieg kommt, das ist nicht abzusehn. Man wird sicher versuchen, einen Scheinkrieg daraus zu machen, das geht aber nicht so leicht. Wenn es nach dem geht, was uns am besten paßt und viel Chancen für sich hat, dann stehender Krieg mit wechselndem Erfolg an der französischen, Angriffskrieg mit Einnahme der polnischen Festungen an der russischen Grenze und Revolution in Petersburg, die den Herren Kriegführenden auf einmal alles in ganz anderm Licht erscheinen läßt. Soviel ist sicher: Es gibt keine raschen Entscheidungen und Triumphzüge mehr, weder nach Berlin noch nach Paris. Frankreich ist sehr stark und sehr geschickt befestigt, die Anlagen um Paris sind, was ihre Verteilung betrifft, meisterhaft.
Vorigen Montag, in dem Meeting, wo Cunninghame-Graham (Kommunist, Marxianer, forderte dort Nationalisation aller Produktionsmittel) und Burns bewillkommt wurden, lief die Mutter Schack herum und verkaufte „Freedom“, das extrem-brüllendste hiesige Anarchistenblatt. Sie offerierte es unter andern aus Versehn auch dem Leßner. Sie scheint aus unbefriedigtem Tatendrang rein verrückt geworden.
Reuß hat die „Commonweal“ (Morris) verklagt, weil sie ihn als Spion denunziert. Offenbar will die preußische Gesandtschaft hier das in Berlin verlorne Terrain wiedergewinnen. Kann sich aber höllisch schneiden. Mr. Reuß has to go into the witness box3, und mit der perjury4 ist hier nicht zu spaßen, hier hilft kein Puttkamer!
Das „Manifest“ erscheint englisch, von mir herausgegeben. Ich schicke Dir eins, sobald ich welche habe.
Dein
F. E.
Apropos, Pfänders Witwe lebt hier im größten Elend. Ich tue, was ich kann, habe ihr eben wieder ein paar £ geschickt. Der Knotenverein gab ein Konzert für sie, Einnahme etwa £ 5. Sie selbst ist krank, ihre Tochter malt, sie machen beide kleine Handarbeiten, aber das ist alles ein Elend. Kann die Partei nicht eine Kleinigkeit vierteljährlich aussetzen? Der Dr. sagt, sie würde den Winter kaum überleben. Sieh, was Du tun kannst, wir müssen auch Witwenpension für unsre Veteranen aussetzen.