London, den 7. Febr. 88
Mein lieber Lafargue,
Hierbei der Scheck über £ 15.
Ich bin mit Arbeit überhäuft – das englische „Manifest“ ist endlich fertig, und ich erwarte in wenigen Tagen die Korrekturen. Ich rechne auf Laura wegen improvements1 in der Übersetzung – meine Durchsicht mußte ziemlich rasch erfolgen –, und für eine Neuauflage wäre mir dies von großem Nutzen.
Dann schreibe ich eine Kritik der gesamten Bismarck-Politik, die als Ergänzung zur „Gewalttheorie“ des „Anti-Dührings“ oder vielmehr als deren Anwendung in der gegenwärtigen Praxis erscheinen soll. Ich habe das Ms. für den 20. cr. versprochen, und Sie können sich wohl denken, daß alles sorgfältig erwogen werden muß. Das wäre etwas für den „Socialiste“ gewesen, wenn Ihr ihn nicht gerade hättet eingehen lassen.
Das Verschwinden des „Soc[ialiste]“ bedeutet Euer Verschwinden als Partei vom Pariser Horizont. Die Possibilisten halten den „Prolétariat“ aufrecht; wenn Ihr das nicht genauso fertigbringen könnt, nehmt Ihr ab, anstatt zu wachsen; es liegt nicht daran, daß Euer Blatt ein wöchentliches Organ ist, auch das andere erscheint wöchentlich. Indessen widerstrebt es mir zu glauben, daß die Pariser Arbeiter endgültig in eine Periode des Verfalls eingetreten seien. Die Franzosen sind unberechenbar und aller möglichen unerwarteten Dinge fähig. Ich warte also ab.
Was Bismarck angeht, so spielt er ebenso wie die russischen Panslawisten und die französischen Chauvinisten mit dem Feuer. Die gegenwärtige Situation kommt ihm zupaß, solange der alte Lehmann (Sie kennen diesen Spitznamen Wilhelms2) sein Leben noch fristet. Bismarck hat allen Grund, sich für den Tag, an dem der Alte stirbt, unentbehrlich zu machen. Er und der junge Wilhelm3 haben gegen den Kronprinzen4 konspiriert, er hat ihn zu der Kehlkopfoperation drängen wollen, d. h. sich den Hals abschneiden zu lassen. Der Kronprinz4 und seine Frau5 wissen das alles, so daß B[ismarck] sich ihnen gegenüber fast unmöglich gemacht hat. Und das ist einer der Gründe, weshalb das neue Sozialistengesetz im Reichstag6 gescheitert ist. Ein Katholik aus Köln7 hat in der Sitzung gesagt, es sei wohl möglich, daß vor dem 30. Sept. (der Ablaufsfrist des bestehenden Gesetzes) andere Männer in der Regierung sein würden.
Diese Debatte über das Sozialistengesetz war ein großer Triumph für uns. Die von Singer und Bebel angeführten Tatsachen haben die Regierung geschlagen, und besonders Bebels Rede ist ein wahres Meisterwerk. Es ist das erste Mal, daß unsere Leute im Reichstag6 einen vollständigen Sieg errungen haben. Das Gesetz wird um zwei Jahre verlängert, wahrscheinlich zum letzten Mal. Aber alle Argumente und alle Tatsachen der Welt hätten nicht genügt, die Forderungen der Regierung zurückzuweisen, wenn man an die unmittelbare Nachfolge des jungen Wilhelm hätte glauben können, der ein echter Preuße ist, unverschämt und anmaßend wie die Berliner Offiziere von 1806, die ihre Säbel auf der Freitreppe der französischen Gesandtschaft wetzten, um sie zwei Monate später als Besiegte den Soldaten Napoleons auszuhändigen.
Die Möglichkeit eines Krieges hat mich von neuem in militärische Studien gestürzt. Wenn es keinen Krieg gibt, um so besser. Aber wenn er ausbricht – das hängt von allen möglichen unberechenbaren Ereignissen ab –, hoffe ich, daß die Russen ordentlich Keile beziehen und an der französischen Grenze nichts Entscheidendes passiert – dann bestünde Aussicht auf einen passablen Frieden. Bei fünf Millionen Deutschen unter Waffen, denen befohlen wird, sich für Dinge zu schlagen, die sie nichts angehen, würde Bismarck nicht mehr Herr der Lage sein.
Inzwischen kuriere ich meine Augen, die sich seit der Behandlung durch meinen Spezialisten gebessert haben, obwohl er mir nicht den Tränenkanal aufgeschnitten hat. Aber ich muß sie schonen. Herzliche Grüße an Laura.
Freundschaftlichst Ihr
F. E.
Aus dem Französischen.