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Engels an Friedrich Adolph Sorge
in Rochester

London, 7. Jan. 88

Lieber Sorge,

Zuerst Prosit Neujahr und die Hoffnung, daß Du Dich in die neue Lokalität bald eingewöhnen wirst und daß Du von allen Unfällen des Sommers wieder vollständig kuriert bist.

Hoffentlich bläst die Kriegswolke vorbei – es geht alles ohnehin so schön nach unsern Wünschen, daß wir eine Störung durch einen allgemeinen Krieg, und zwar einen so kolossalen wie nie vorher, sehr gut entbehren können, obwohl auch dies schließlich zu unsern Gunsten ausschlagen müßte. Die Politik Bismarcks treibt uns die Arbeiter- und Kleinbürgermassen haufenweise zu; die Jämmerlichkeit der so pompös angekündigten Sozialreform, die ein purer Vorwand ist zu Zwangsmaßregeln gegen die Arbeiter (Strike-Erlaß Puttkamers, vorgeschlagne Wiedereinführung der Arbeitsbücher, Diebstahl von Gewerkschafts- und Hülfskassen), wirkt enorm. Das neue Sozialistengesetz wird wenig schaden, die Verbannung geht diesmal schwerlich durch, und wenn sie durchgeht, ist ihre Dauer fraglich. Denn wenn – was für uns am besten wäre – der alte Wilhelm1 bald krepierte und dann der Kronprinz2 auch nur für sechs Monate ans Ruder käme, so würde wahrscheinlich alles in Verwirrung kommen. Bismarck hat so stark daran gearbeitet, den Kronprinzen ganz zu beseitigen und eine Regentschaft des jungen Wilhelm3, eines schnoddrigen Jardeleutnants, zustande zu bringen, daß er in diesem Fall wohl beseitigt würde und ein kurzes illusionsvolles liberales Regime ihn ersetzte. Das würde hinreichen, das Vertrauen des Philisters in die Beständigkeit der Bismarckschen Wirtschaft zu zerstören; und wenn dann auch nachher mit dem jungen Bengel Bismarck wieder drankäme, so ist doch der Glaube des Philisters fort und der Junge eben nicht der Alte. Denn die falschen Bonapartes von heute sind nichts, wenn man nicht an sie und ihre Unbesiegbarkeit glaubt. Und wenn dann der Junge und sein Mentor Bism[arck] frech würden und noch schnoddrigere Maßregeln als jetzt vorbrächten, dann würden die Dinge rasch auf den kritischen Punkt losmarschieren.

Ein Krieg dagegen würde uns um Jahre zurückwerfen. Der Chauvinismus würde alles überfluten, da es einen Kampf um die Existenz gäbe. Deutschland würde an die 5 Millionen Bewaffnete stellen, oder 10% der Bevölkerung, die andern etwa 4–5%, Rußland relativ weniger. Aber 10 bis 15 Mill. Kombattanten wären da. Wie sie zu ernähren, möchte ich sehn; es würde eine Verwüstung geben wie im 30jährigen Krieg. Und rasch ist nichts zu erledigen, trotz der kolossalen Streitkräfte. Denn Frankreich ist durch sehr ausgedehnte Befestigungen an der Grenze im Nordwesten und im Südosten geschützt, und die Neuanlagen von Paris sind musterhaft. Das dauert also lange, und ebenso ist Rußland nicht im Sturm unterzukriegen. Selbst wenn also alles nach Bismarcks Wunsch geht, werden Ansprüche an die Nation gestellt wie nie vorher, und möglich genug ist, daß Verschleppung des entscheidenden Siegs und partielle Schlappen einen Umschwung im Innern hervorrufen. Würden aber die Deutschen von vornherein geschlagen oder auf die dauernde Defensive gedrängt, so ging’s sicher los. Wenn der Krieg ohne innere Bewegungen bis zuletzt ausgekämpft würde, so träte eine Erschöpfung ein, wie Europa sie seit 200 Jahren nicht durchgemacht. Die amerikanische Industrie würde dann auf der ganzen Linie siegen und uns alle vor die Alternative stellen: entweder Rückfall in die reine Agrikultur für den Selbstgebrauch (jeden andern verbietet das amerikanische Getreide) oder – soziale Umgestaltung. Ich vermute daher, daß man es nicht zum Äußersten, zu mehr als einem Scheinkrieg nicht zu bringen vorhat. Aber ist der erste Schuß gefallen, so hört die Kontrolle auf, das Roß kann durchgehn.

So drängt alles zur Entscheidung, Krieg oder Friede, und ich muß mich beeilen, mit dem III. Band4 fertig zu werden. Aber die Ereignisse verlangen, daß ich au courant5 bleibe, und das nimmt viel Zeit weg, besonders nach der militärischen Seite; und doch muß ich meine Augen noch schonen. Ja, wenn ich mich auf den reinen Stubengelehrten zurückziehen könnte! Indes, es muß gehn, spätestens nächsten Monat geh’ ich dran.
Schorl[emmer], der hier ist, grüßt bestens.

Die Pariser Präsidentschaftskrise ist direkt durch unsre Leute entschieden worden. Die Blanquisten stellten sich an die Spitze, Vaillant riß das Büro des Stadtrats mit sich. Vaillant, wenn es bald losgeht, wird die Seele der nächsten provisorischen Regierung. Er hat es gut, als Blanquist braucht er keine ökonomische Theorie zu vertreten, kann also manchem Krakeel fernbleiben. Die Possibilisten haben sich total blamiert, waren für Abstention von aller Aktion, haben dem Stadtratsbüro, das sich so gut benahm, wie von solchen Radikalen nur erwartet werden konnte, ein Tadelsvotum im Stadtrat bringen wollen, zusammen mit den Reaktionären, fielen aber durch.

„C[ommon]w[eal]“, „Gleichh[eit]“, „To-Day“ hast Du hoffentlich regelmäßig erhalten.

Dein alter
F. E.