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Engels an Paul Lafargue
in Paris

London, den 29. Dez. 87

Mein lieber Lafargue,
Ich habe mit meiner Antwort bis heute gewartet, um von Kautsky genaue Einzelheiten über den ehrenwerten Oberwinder zu erfahren. Ich kannte die Geschichte im allgemeinen, aber ich wollte sichergehen.

Oberw[inder] spielte nach 1873 eine ziemliche Rolle in der Wiener Bewegung. Er war alter Lassalleaner und Redakteur der Wochenschrift „Volkswille". Die Abgeordneten des österreichischen Reichsrats wurden damals von den Landtagen gewählt, und die Liberalen agitierten für eine direkte Wahl durch die Bezirke. O[berwinder] ergriff ihre Partei mit einem Fanatismus, der weniger eigenem Interesse entsprang als vielmehr dem Umstand, daß er von den Liberalen bezahlt wurde – und zwar durch Vermittlung eines Herrn Szeps vom „Neuen Wiener Tagblatt". Unter dem Vorwand, daß die Forderung der Liberalen der erste Schritt zum allgemeinen Wahlrecht wäre, forderte er die Arbeiter auf, sie zu unterstützen. Scheu widersetzte sich dem; O[berwinder] erhielt in Wien die Mehrheit und zwang Scheu und seine Freunde zur Trennung; diese hatten in der Provinz die Mehrheit, sie gründeten in Wiener-Neustadt die „Gleichheit", griffen O[berwinder] in ihrer Zeitung von allen Seiten an und warfen ihm die obengenannten und andere Tatsachen vor. O[berwinder] verklagte Scheu wegen Verleumdung, aber das Schwurgericht erklärte, daß Sch[e]u den Beweis erbracht habe, und sprach ihn frei. In diesem Prozeß wurde außerdem bewiesen, daß O[berwinder] für sein Wochenblatt die Summe von 10000 fl. (25 000 fr.) ausgegeben hatte, die zur Gründung einer Tageszeitung gezeichnet worden waren, sowie andere ähnliche Tatsachen. Kurz gesagt, durch diesen Prozeß wurde O[berwinders] Stellung in Wien unmöglich, und die Liberalen hatten kein Interesse mehr daran, ihn zu bezahlen; er ging nach Hamburg und verband sich mit der Bräuer-Gruppe der Lassalleaner, einer der Sekten, in denen der sterbende Lassalleanismus endete. Das waren Kleinbürger reinsten Wassers; seit über zehn Jahren ist die Sekte eingegangen. Dann kam O[berwinder] nach Paris. Vor ungefähr einem Jahr hat er eine Broschüre veröffentlicht, in der er an die deutschen Arbeiter appelliert, sich Bismarcks Politik anzuschließen und sie zu unterstützen, damit dieser ihnen als Gegenleistung soziale Reformen gewähre.

Sie sehen, das ist ein Lassalleaner, der sagen kann, daß er seine Ansichten niemals verraten hat: 1. er glaubt an die Allmacht des allgemeinen Wahlrechts, deshalb hat er die österreichischen Liberalen unterstützt; 2. Lassalle hat gefordert, daß sich die Arbeiter im Kampf zwischen Königtum und Bourgeoisie auf die Seite des Königtums stellen – aus diesem Grunde ist O[berwinder] Parteigänger Bismarcks. Und da der Lassalleanismus in Deutschland im Aussterben war, warum sollte dieser alte Lassalleaner Bismarcks Geld nicht ebenso nehmen wie das der österreichischen Liberalen? Nur mußte er, als er den ersten Bismarckschen Groschen einmal eingesteckt hatte, gewahr werden, daß er es mit einem Stärkeren zu tun hatte und daß er reingefallen war.

Die Entdeckung, die unsere Leute in der Schweiz gemacht haben, kann von außerordentlicher Bedeutung sein – die Schweizer Behörden werden ihr Möglichstes tun, um ein Preußen zu kompromittieren, und die Genfer Affäre – ein nihilistisches Komplott – wird viel Aufsehen erregen. Da sieht man die ganze Dummheit der preußischen Polizei! Dieser Haupt, auf frischer Tat ertappt von einigen beherzten Arbeitern, die bei ihm Haussuchung halten – was er zuläßt! – und seine Korrespondenz mit Krüger finden –, dieser Haupt ist ein derartiger muff1, daß er gesteht, seit sieben Jahren Polizeispitzel gewesen zu sein! Und das ist der Mann, den man mit einer derartigen Mission betraut! Und nach alldem wundern Sie sich über die Bezahlung von Nonne und Oberwinder! Aber Heine pflegte zu sagen: die preußischen Polizeispitzel sind die gefährlichsten, weil sie nicht bezahlt werden. Sie hoffen jedoch immer darauf, und das macht sie geschäftig und gewitzt; wenn Preußen sie bezahlt, werden sie nichts mehr taugen.

Ich hoffe, daß Laura die gestern abgeschickten „Packs" und „Judges" bekommen hat.2

Ihr Schützling Stead ist im Augenblick sehr nützlich, das streitet niemand ab; aber das ändert nichts daran, daß dieser Mensch, der in Rußland verteidigt, was er in Irland angreift, in einem anderen Jahrhundert lebt als wir. Ebenso können Sie die Salvation Army3 in Schutz nehmen, denn ohne sie wäre das Recht, auf der Straße Prozessionen und Diskussionen durchzuführen, in England noch morscher als es ohnehin ist.

Nim, Jollymeier, Pumps und die Kleinen sind im Theater und sehen sich „Hans the boatman" an, ein amerikanisches Stück, in dem viele Kinder und ein großer Hund vorkommen.
Lauras Malereien werden schlecht trocknen bei dem Wetter, das wir haben.

Tausend Wünsche zum neuen Jahr.

Freundschaftlichst Ihr
F. E.

Ich schicke meine Karte an Mesa, 36, rue du Bac, das ist doch noch seine Adresse?
Erscheint denn „Le Socialiste" nicht mehr?

Aus dem Französischen.