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Engels an Paul Lafargue
in Paris

London, den 16.Nov. 87

Mein lieber Lafargue,

Dichter Nebel – unmöglich, mehr als zwei Worte zu schreiben.

Haben Sie nicht Tussys Brief in der „Pall Mall“ vom Montag abend1 gelesen, die Sie Dienstag abend hätten erhalten müssen? Sie kam gegen sieben Uhr bei uns an, Mantel in Fetzen, Hut verbeult und zerrissen von einem Schlag mit dem „staff“2, die bobbies hatten sie verhaftet, aber auf Befehl des Inspektors wieder freigelassen; man hat fast keine Verhaftungen vorgenommen, Edward ist mit heiler Haut davongekommen, da die Gruppe, bei der er sich befand, gleich zu Anfang das Feld geräumt hat.

Die Sache wird gerichtlich entschieden werden, und wir werden sehen, ob die Geschworenen die berühmte Doktrin Matthews billigen, wonach jedes Individuum, das ohne Erlaubnis der Krone auf dem Trafalgar Square spaziert, ein trespasser3 ist. Die Liberalen von Gladstone bis zu Labouchère und Bradlaugh bitten das Volk, die Frage auf sich beruhen zu lassen, da sie von den Gerichten erledigt werden wird. Aber die Empörung der Arbeiter gegen die Brutalität der Polizei ist so groß, daß am nächsten Sonntag ein neuer Zusammenstoß möglich ist. Dann wird das – wenn nichts Unvorhergesehenes eintritt – eine neue Niederlage sein, da der Trafalgar Square die für die Regierung günstigste Position ist: er ist leicht zu verteidigen, vom Osten her nur durch enge Straßen zu erreichen, weit vom Arbeiterzentrum entfernt, mitten in einem Geschäftsviertel, zwei Schritte vom Kampfplatz eine Kaserne und drei Schritte weiter der St. James Park für militärische Reserven. Da der Philister, sowohl der Bourgeois als auch der Arbeiter, dafür ist, im Rahmen der Verfassung vorzugehen, kann man damit rechnen, daß die nächste Demonstration zu schwach sein wird, um etwas Ernstes zu wagen. Und es wäre schade, wenn man erleben müßte, wie sich die besten Leute opfern, um die Ehre der Hasenfüße zu retten, die sich schon jetzt zurückziehen.

Und was gibt's bei Euch? Wenn Ihr Ferry statt Grévy habt, werdet Ihr nicht nur den Gauner von Schwiegersohn statt des Schwiegervaters haben, der höchstens ein Hehler ist, sondern den Gauner von Schwiegersohn in zweiter Potenz. Was Wilson in seinem ganzen Leben gestohlen hat, reicht bei weitem nicht an das heran, was Ferry nur im Zusammenhang mit Tunis gestohlen hat. Die Möglichkeit einer solchen Lösung für länger als eine kurze Zeit scheint mir zu sehr im Widerspruch zu dem dramatischen Genius der französischen Geschichte zu stehen. Das wäre keine Lösung, sondern die Intrige auf ihrem Höhepunkt und zur Krise führend. Und unter diesem Gesichtspunkt könnte man sogar den Machtantritt Ferrys wünschen – den Machtantritt des Chefs des Hauses Roublard & Cie anstatt einfacher Kommis. Grévy, der die Korruption einfach geduldet hat, gestürzt durch Ferry, der sie offen praktiziert und sich dessen rühmt – das wäre schön. Aber Ferry als Präsident, das wäre der Aufruf zur Revolution, wäre das dem Volk ins Gesicht gespuckte: ich pfeife auf euch! der Bourgeoisie.

Was den Frieden angeht, so könnte ihn in diesem Augenblick nur ein Verrückter brechen. Der Krebs des Kronprinzen4 genügt, um alle kriegerischen Gelüste Bismarcks einzudämmen; die Allianz der zentralen Mächte mit England in Reserve ist stark genug, um beinahe spielend jeden französisch-russischen Angriff zu parieren; andererseits bietet ein Angriffskrieg gegen Frankreich mit seinen neuen verschanzten Lagern und gegen das weite und arme Rußland mehr Schwierigkeiten als Annehmlichkeiten. Die Unmöglichkeit einer realen Allianz zwischen dem Zaren5 und der Republik, in der die Regierungen zusehends wechseln, tritt immer klarer zutage. In Rußland wenden sich sogar die Slawophilen gegen das innere System der Regierung; Lamanski, einer ihrer Führer, erklärt offen, daß das Hindernis auf dem Weg nach Konstantinopel nicht in Wien oder Berlin zu suchen ist, sondern in dem Regierungssystem, das die Russen daran hindert, sich geistig auf die Höhe des Abendlandes zu erheben und so die Rolle der führenden slawischen Nation zu verdienen. Bei alledem sind unerwartete Streiche sowohl in Petersburg als auch in Paris möglich. Es bleibt abzuwarten, was der Zar in Berlin machen wird nach der öffentlichen Beleidigung, die Bismarck ihm soeben durch die deutsche Reichsbank zugefügt hat.

Was Eure Armee angeht, so haben die Soldaten mit 2 oder 3 Dienstjahren noch nicht dem Volk gegenübergestanden, es ist also unmöglich zu sagen, wie sie sich verhalten würden. Aber es ist nicht mehr die Soldateska des Kaiserreichs. Man müßte die Zusammensetzung der Regimenter kennen, aus welchen Bezirken sie rekrutiert sind und ob es viele Pariser in ihren Reihen gibt.

Übrigens, ist der „Socialiste“ von neuem gestorben? Meine letzte Nummer ist vom 29.Oktober.

Freundschaftlichst Ihr
F. E.

Verfolgen sie „Le XIXe Siècle“ und schicken Sie es mir, wenn es Dokumente und neue Fakten bringt.

Aus dem Französischen.