London, 12.Nov. 87
Meine liebe Laura,
Nous voilà en plein 1847!1 Die Parallele ist wirklich auffallend, für „Teste" lies: Wilson, für Émile de Girardin lies: A.E.Portalis, und wenn Grévy nicht das genaue Gegenstück zu Louis-Philippe ist, so ist er doch eine sehr gut gelungene Kombination von beiden, Louis-Philippe und Guizot, er vereint die Geldgier des ersteren mit der falschen Würde des letzteren. Ich habe heute morgen die Zeitungen verschlungen, die mir Paul freundlicherweise geschickt hat, und kam mir dabei vierzig Jahre jünger vor. Nur daß die république bourgeoise an Frechheit ganz und gar die bürgerliche Monarchie übertrifft. In Girardins Arbeitszimmer wurde niemals eingebrochen, noch hat man ihm den Schädel eingeschlagen, und die großangelegte Beschlagnahme von Dokumenten durch Polizei und parquet2 hat kein Gegenstück im Jahre 1847. Doch alle diese Tricks sind nutzlos, die Kugel ist ins Rollen gekommen und wird weiterrollen. Was wir jetzt sehen, ist nur die „Exposition" des Dramas, das wahrscheinlich dem der französischen Geschichte eigenen Genius ebensowiel Ehre machen wird wie je eines der vorangegangenen.
Das Wichtigste ist, daß dieser commencement de la fin de la république bourgeoise3 nicht allein dasteht. Auch in Rußland scheint sich das Ende zu nähern. Die ewigen Versprechungen, Bulgarien gegenüber eine energische und erfolgreiche Politik durchzuführen, auf die stets erneut Schlappen und moralische Niederlagen folgten, scheinen die verschiedenen oppositionellen Elemente wieder vereint zu haben – es sieht so aus, als ob es dort bald zu einer Krise kommen würde. Dann ist da Unser Fritz4 mit seinem jetzt nicht mehr zu verschweigenden Kehlkopfkrebs – wenn ihm etwas passiert, wird der Nachfolger des alten Wilhelm ein dummer, schnoddriger Junge5 sein, vom Typ eines Gardeleutnants, zur Zeit ein Bewunderer Bismarcks, der sich jedoch sicher bald mit diesem entzweien wird, weil er zu kommandieren wünschen wird; ein Kerl, der die Dinge bald ins Extrem treiben und das gegenwärtige Bündnis zwischen Feudaladel und Bourgeoisie über den Haufen werfen wird, indem er letztere völlig dem ersteren opfert, und der, daran ist kaum zu zweifeln, sogar in militärischen Angelegenheiten mit den alten erfahrenen Generalen in Streit geraten wird. Und dann ist eine Krise sicher. Somit rückt der kritische Augenblick überall immer näher, und ich hoffe nur, die Leute werden überall so viel mit ihren eigenen Angelegenheiten zu tun haben, daß sie keine Zeit finden werden, sich in einen Krieg zu stürzen.
La belle Limouzin, alias Scharnet, ist allerdings eine Schönheit besonderer Art, um französische Offiziere zu faszinieren, doch hatte sie es auf nichts weniger als Generäle abgesehen, und Generäle sind Menschen in einem gewissen Alter, in dem bei manchen Leuten der Geschmack zweifelhaft zu werden beginnt. Das ist gewiß eine sehr wunderliche Neuauflage der Victoires et Conquêtes de l'armée française6 – die Eroberung einer buckligen, lahmen, abstoßenden alten Hexe aus Karlsruhe! Dennoch sieht sie energisch aus und hat Thibaudin zu einer seltenen Begeisterung entfacht.
Die Geschichten, die Du mir über die Männer der agglomération erzählst, sind auch charakteristisch. Die Verwandlung von Paris in eine Luxusstadt7 unter dem Zweiten Kaiserreich mußte auch auf die Arbeiterklasse abfärben. Doch jede ernsthafte Bewegung wird ein gut Teil davon wieder abschütteln. Die Wirkung auf den Intellekt der Massen wird jedoch, fürchte ich, länger dauern.
Morgen werden wir hier auch eine kleine Balgerei haben. Nach einigem Zögern und Schwanken hat die Polizei schließlich alle Versammlungen auf dem Trafalgar Square verboten; die radikalen Klubs haben mit der Einberufung eines Massenmeetings für morgen nachmittag nach dort geantwortet. Tussy und Edward müssen natürlich hingehen. Ich erwarte keinen ernsthaften Zusammenstoß. Doch ist es immerhin möglich, daß Matthews und seine Kollegen von der Tory-Regierung ausnahmsweise kampfbereit sind, besonders nachdem die liberale Tagespresse sich auf die Seite der Polizei gestellt hat und jetzt gerade keine allgemeinen Wahlen in Sicht sind, wie zur Zeit der Dod st.-Affäre. Wenn, dann wird es ein Handgemenge und ein paar Verhaftungen geben. Deshalb vergiß nicht, Dir morgen die Abendzeitungen zu besorgen.
Ich muß jetzt Schluß machen, es ist nach fünf Uhr und keine Zeit zu verlieren, wenn Du morgen früh diesen Brief bekommen sollst. Also auf Wiedersehen. Nim schneidet sich immer wieder mal mit dem einen, mal mit dem anderen Küchengerät in die Finger. Percy war wegen seiner Knopflochmaschine in Dresden und Berlin und hat unerhörte Mengen Lagerbier konsumiert. Pumps und den Kindern geht es gut.
Immer in Zuneigung Dein
F. Engels
Aus dem Englischen.