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Engels an Laura Lafargue
in Paris

London, 11. Okt. 1887

Meine liebe Laura,

Es freute mich zu hören, daß Du den Scheck richtig erhalten hast – ein Verlust solcher Dinge kann sehr unangenehm sein, und deshalb habe ich ziemlich ungeduldig auf Nachricht gewartet.

Hoffentlich hast Du Dich inzwischen wieder eingelebt und wirst von den köstlichen Skandalen, die sich um Euch herum abspielen, nicht zu sehr aus der Ruhe gebracht. Die Caffarel-Affäre scheint von der Rouvier-Ferry-Bande hochgespielt worden zu sein, doch wenn das so ist, war es ein großer Fehler. Es sieht sehr nach den ersten Skandalen aus, die Girardin 1846/47 an die Öffentlichkeit brachte, und die ein viel größeres Ausmaß annahmen, als le rusé Émile1 erwartet hatte. Die Kugel, einmal ins Rollen gebracht, wird ohne Zweifel noch eine ganze Reihe anderer Skandale ans Tageslicht bringen. Sehr viele spielen sich hinter den Kulissen ab, und diese eine Affäre, die man nun aufgedeckt hat, wird vielen kleinen Gaunern, die sich in ähnlichen Dingen versuchen, ganz schön in die Glieder fahren. In ihrem Bemühen, der Gefahr zu entrinnen, werden sie mit Sicherheit – wenn auch widerstrebend – Madame Justiz nötigen, sich die Leute vorzunehmen, die von ihren erschreckten Spießgesellen denunziert werden. Selbst diese eine Affäre verheißt der regierenden Bande nichts Gutes; und wenn Wilson darin verwickelt ist – was wird dann der alte Grévy tun?

Welch eine großartige Ironie der Geschichte wäre es, wenn die bürgerliche Republik dazu verdammt würde, sich durch dieselbe Révolution du mépris2 zu vernichten, welche die bürgerliche Monarchie im Jahre 1848 hinweggefegt hat.

Die Raon-sur-Plaine-Affäre war einfach so: Innerhalb des Bismarck-schen Reiches ist diese Art der Behandlung von Zivilisten durch das Militär ganz die Regel. Sie werden dazu ausgebildet und dafür belohnt; und die feige Bourgeoispresse lobt solche Dinge, wenn sie gegen die Arbeiter, und entschuldigt sie, wenn sie gegen Bourgeois verübt werden. Und darum ist es natürlich unmöglich, denselben Soldaten einzubleuen, daß sie an der Grenze anders vorzugehen haben, und daß ein Franzose, ein Russe oder ein Österreicher mit mehr Zuvorkommenheit zu behandeln ist. Dieser betrunkene Rohling Kaufmann wird entweder freigesprochen oder, falls zum Schein zu geringer Gefängnisstrafe verurteilt, wie le bon dieu en France3 leben und hinterher befördert werden.

Der „Socialiste" in seiner neuen Form ist bedeutend besser als der alte. Paul konnte nicht alles machen, und seine eigenen Artikel scheinen sorgfältiger durchgearbeitet zu sein, seitdem er nicht mehr die ganze Last auf seinen Schultern trägt. Deville wird es guttun, jede Woche einen Artikel zu schreiben, ihm fehlte die praktische journalistische Tätigkeit, und seine Artikel werden immer weniger schwerfällig.

Nächste Woche erwarte ich Bebel und wahrscheinlich auch Singer. Ihr Parteitag scheint ein großer Erfolg gewesen zu sein, und der rechte Flügel der Partei hat eine direkte Abfuhr erhalten: Geiser und Viereck waren zu feige, den Aufruf4 zum Parteitag zu unterzeichnen, und infolgedessen wurde ihnen das Recht aberkannt, weiterhin eine Vertrauensstellung in der Partei5 zu bekleiden. Bax war auch dort, er hat seinen Jungen nach Zürich gebracht, wo er mehr oder weniger in Bernsteins Obhut sein und in Beusts Schule gehen wird.

Hier gehen die Dinge langsam, aber sicher voran. Der Trades-Union-Kongreß war ein glänzendes Symptom. Die Tories helfen uns hier durch alle Arten kleiner Polizeischikanen gegen die Versammlungen im Freien – was für ausgemachte Esel sind sie doch hier und in Irland! Esel – falls sie nicht die Absicht haben, die nächste Parlamentssession mit der Erklärung zu eröffnen, sie hätten Zwangsregierung6 versucht, aber Schiffbruch erlitten, und deshalb bliebe nichts anderes als Home-Rule7 übrig – um dadurch Gladstone den Wind aus den Segeln zu nehmen und eine gemischte Home-Rule-Bill eigener Prägung einzubringen. Doch kann ich mir nicht vorstellen, daß Salisbury soviel Verstand oder Kühnheit besitzt.

Inzwischen hat Champion in seiner Zeitung „Common Sense"8 (eher: Uncommon Nonsense9) Hyndman offen attackiert, während die Fabier, eine dilettantische Bande unerhört eingebildeter, sich gegenseitig Bewundernder, die hoch über solchen ignoranten Menschen wie Marx schweben – versuchen, die Bewegung in ihren Händen zu konzentrieren. Sehr schöner amusements en attendant que la classe ouvrière so mette en mouvement et balaye tout ces mannequins et femmequines10 (Mrs. Besant gehört auch dazu).

In Zuneigung Dein
F. E.

Nim läßt herzlich grüßen, sie bringt gerade den Teppich in meinem Zimmer oben in Ordnung. Sonnenscheins Abrechnung habe ich noch nicht erhalten. Ich habe ihn daran erinnert, daß sie fällig ist.

Aus dem Englischen.