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Engels an August Bebel
in Plauen bei Dresden

4, Cavendish Place
Eastbourne, 13. Aug. 1887

Lieber Bebel,

Morgen oder übermorgen kommst Du aus der Haft und ich hoffentlich dazu, einen Plan zu verwirklichen, den ich mit mir herumgetragen habe, seitdem Du in das Logis des Königs von Sachsen eingezogen bist. Nämlich Dich einzuladen, auf meine Kosten eine Spritztour nach London zur Erholung von den Strapazen des Martyriums zu unternehmen. Du mußt mir aber den Gefallen tun, meinen ganzen Vorschlag zu akzeptieren, speziell das: auf meine Kosten, denn ich könnte es mit meinem Gewissen nicht vereinigen, Dir dadurch irgendein, auch noch so geringes, Opfer aufzuerlegen. Eine solche Erholung scheint mir für Deine Gesundheit durchaus nötig, damit Du endlich einmal wieder freie Luft atmest und hier ist die Luft so frei, wie sie in der kapitalistischen Gesellschaft überhaupt sein kann. Aus dem engen Gefängnis Zwickau so ohne weiteres in das große Gefängnis Deutschland überzutreten, wäre doch gar zu hart. Deine Gesundheit ist aber jetzt das wichtigste Parteiinteresse, das ich kenne, und so bitte ich Dich, mir zu erlauben, meinen Parteibeitrag in der mir am geeignetsten scheinenden Weise zu leisten.

Ich bin hier noch auf 14 Tage, also am 27. ds. wieder in London. Ich vermute, daß Du noch ungefähr dieselbe Zeit nötig hast, um verschiednes in Ordnung zu bringen, und kann selbst nicht früher nach London zurück, da mein Haus durch und durch renoviert wird und alles drüber und drunter liegt. Kannst Du aber früher kommen und noch einige Tage hier bei uns an der See zubringen, um so besser; dann so bald wie möglich. Du fährst mit dem Nachtboot von Vlissingen nach Victoria Station, London, vom selben Bahnhof gehn die Züge nach Eastbourne ab und sind in 2 bis 2½ Stunden hier. Kautsky, der Montag von Ventnor nach London zurückkehrt (Adr. 35, Lady Somerset Road, Highgate, N.W., London), wird Dich mit Vergnügen in London lotsen. Liebk[necht] war voriges Jahr auch hier bei uns und schwärmte für die Lokalität.

Ich sehe also mit Verlangen Deiner Antwort entgegen und werde Dir, sobald diese zustimmend lautet und Du nicht gleich kommst, eine Rimesse als Anzahlung schicken, um Dich so um so fester zu halten.

Über alles andre können wir uns dann mündlich besser verständigen, es ist so manches vorgefallen, worüber ich von niemanden besser als von Dir Aufklärung erhalten kann. Im ganzen bin ich mit dem Lauf, den die Welt seit Deiner Isolierung genommen hat, zufrieden, es geht überall vorwärts.

Jetzt muß ich schließen, die Post geht hier 1.15 mittags ab, und verpasse ich die, so geht der Brief erst Montag morgen von London. Der Sicherheit halber adressiere ich an Deine Frau, die ich, sowie Deine Tochter, herzlich zu grüßen bitte.

Dein alter
F. E.

Solltest Du Kautsky in London aufzusuchen haben, so hier noch Näheres über seine Adr.:
35, Lady Somerset Road, Highgate, near Kentish Town Station, Kentish Town Road. Auf Briefen ist das nicht nötig.