Eastbourne, 9.Aug. 87
4, Cavendish Place
Meine liebe Laura,
Wir sind jetzt über vierzehn Tage hier und können uns über nichts beklagen als über die Hitze. Das ist wirklich ein ungewöhnlicher Sommer, den die Duckmäuser des „Nature“: „the Jubilee Anticyclone“ nennen. Ich habe etwas leichte Arbeit für einen Regentag mitgenommen, doch der Regentag will nicht kommen, und die Arbeit schlummert ruhig in meiner Schublade. Jollymeier verbrachte hier mit uns eine Woche, und Fritz Beust vierzehn Tage – er mußte vorgestern in Zürich wieder mit dem Unterricht beginnen –, Pumps und er flirteten ganz schön und ganz offen miteinander, worüber niemand stolzer war als Percy. Oh les maris!1
Wer immer mein Vorwort2 für den „Socialiste“ übersetzt hat, hat es außerordentlich gut gemacht; nie wurde ich so gut ins Französische übersetzt. Ein oder zwei Stellen lassen mich vermuten, daß es – wenigstens teilweise – nach dem Deutschen gemacht wurde.
Die entschlossene Haltung unserer Leute gegen Russophilismus und Katkowolatrie hat offensichtlich gut gewirkt. Ich merke, daß die „Justice“ einlenkt und Kropotkin sich Rochefort vorgenommen hat. Guesdes Artikel in „L'Action“ zeigt, daß er mehr über die russischen Verhältnisse kennt, als ich anzunehmen wagte.
Sonst steht die Politik in Frankreich wie überall unter dem Einfluß der Hitze. Tout rate, même les duels.3 Wenn zwei so erstklassige Duelle wie Boul[anger]-Ferry und Laur.-Cassagnac schießgehen, dann steht alles still, bis sich das Wetter ändert, und Paris schläft tatsächlich. Ich hoffe, daß dieser große polnische Augenarzt das letzte von Pauls Wundermitteln ist und endlich erfolgreich sein wird. Als er mir vorher von Operationen schrieb, dachte ich an die Erweiterung des Tränenkanals, da das die häufigste aller leichten Operationen am äußeren Auge ist. Aber die meisten alten Leute, denen die Augen tränen, leiden an dieser rétrécissement4, und ich bin so gut wie sicher, daß ich sie selbst zumindest an einem Auge habe. Doch das kann ich, wenn nötig, in London in Ordnung bringen lassen, und bevor ich mich den Händen und den Instrumenten dieses wundertätigen Polen anvertraue, warte ich Pauls endgültigen Bescheid ab. Nichts hält den Berge versetzenden Glauben an die einzelnen Ärzte so aufrecht wie allgemeiner Skeptizismus gegenüber der wissenschaftlichen Medizin.
Bax wohnte eine Woche lang bei mir, und hat mich täglich mit der Regelmäßigkeit einer Uhr und der Neugier eines amerikanischen Journalisten interviewt. Doch das gab mir Gelegenheit, mit ihm in Ruhe über viele Dinge zu sprechen. Und wenn er mit den Fragen fertig ist, die er sich vorgenommen hat (die ihm, wie den meisten Leuten hier, das Studieren ersparen sollen), und seine plötzlichen originellen Gedankenblitze über le lendemain de la révolution5 usw. erschöpft hat, beginnt er vernünftig zu reden –, sogar vernünftiger als man nach der vorangegangenen Konversation erwartete. Dann merkt man, daß er bei alledem einen Weitblick hat, der hier unter den Sektierern, die sich Sozialisten nennen, nur zu selten ist. Aber was die Unkenntnis der Umwelt anbelangt, so übertrifft ein englischer Stubengelehrter6 seinen deutschen Kollegen ganz und gar an eremitenhafter Naivität und Fremdheit7 mitten in der größten Stadt der Welt.
Pauls Artikel über die services publics8 war sehr gut. Das würde auch Deutschland not tun, wo die Vierecks und Co. nur zu begierig sind, die „Verstaatlichung“9 auf die gleiche betrügerische Weise zu benutzen wie Brousse und Co. die services publics.
Am Samstag abend – nach zehn – erschien plötzlich Charley Rosher. Er war von London aus – am heißesten Tag des Jahres – mit dem Dreirad gefahren; kam bis nach Hayward's Heath (ungefähr 40 Meilen), erschöpft, mußte den Zug nehmen. Am nächsten Tag Diarrhoe und völliger Zusammenbruch. Tags darauf, kaum erholt, bekam er ein Telegramm, daß seine Frau krank sei und er sofort zurückkehren müsse. Ein weiteres Telegramm teilte uns mit, daß sie eine „Miss Carry“10 hatte.
Nim hat, als sie herkam, anfangs unter leichtem Gelenkrheumatismus gelitten – überall Schmerzen, wie die arme Lizzie11 zu sagen pflegte –, doch jetzt fühlt sie sich wieder wohl und ist sehr vergnügt, ebenso wie Pumps mit ihren beiden Kindern. Percy muß fast die ganze Woche in London zubringen. Ich bin faul und tue nichts dagegen, weil es unter den gegebenen Umständen das beste ist.
Da kommt schon die ganze Gesellschaft zum Mittagessen, und die Kinder wollen, daß ich ihnen Papierschiffchen mache, so daß es mit Schreiben aus ist und ich eilig schließe.
In Zuneigung Dein
F. Engels
Und herzliche Grüße von allen.
Aus dem Englischen.