London, 7. Juni 1887
Meine liebe Laura,
Ich habe einen Haufen Klatsch für Dich – solange sich die Bewegung noch im Sektenstadium befindet, dreht sich alles um Klatsch – und das ist in England der Fall.
Vorigen Sonntag war die Delegiertenkonferenz der League. Morris und die Anarchisten brachten eine Resolution mit 17 gegen 11 Stimmen durch, daß sich die League an eine antiparlamentarische Politik zu halten habe. Unter den 17 eine Scheinsektion der Anarchisten und 3, die gegen ihre Instruktionen stimmten. Der wahre Grund war das Geld von Morris, das weiterhin die £ 4 wöchentliches Defizit der „Commonweal" decken soll; wäre die Resolution nicht durchgekommen, hätte Morris sein Amt niedergelegt.
Unsre Freunde versuchen jetzt, ihre Sektionen in der Provinz besser zu organisieren und eine außerordentliche Konferenz einzuberufen, um die Resolution zu Fall zu bringen. Ich halte nichts davon, auch Tussy nicht, doch ist der Versuch wegen der Stimmung unter den Arbeitern nicht zu vermeiden.
Eines der prominenten (im kleinen Maßstab) Mitglieder der erwähnten Scheinsektion der Anarchisten war Mutter Schack (übrigens genau in Deinem Alter!), die in letzter Zeit die Anarchisten mit ihrer Gönnerschaft bedachte. Das schien ihr das sicherste Mittel, um jouer un rôle quelconque ici1. Da sie sich hierdurch in eine Situation brachte, in der sie entweder ihre Besuche in meinem Hause einstellen oder eine unerfreuliche Erklärung erwarten mußte, ergriff sie die Initiative und zog sich zurück. Am 29. war die Konferenz. Am 30. schreibt sie mir einen Brief: sie könne mich nicht mehr besuchen, weil sie mit Aveling nicht zusammentreffen könne, da er unrechte Handlungen begangen hätte und auch wen verleumde? – Tussy!
Ich antwortete und fragte nach Einzelheiten und Beweisen und erklärte, wenn ich diese nicht erhielte, würde ich ihren Brief an Edward weiterleiten. Erwiderung: sie könne keine Einzelheiten angeben, fordere mich jedoch auf, mich über Edwards Charakter und Vorleben im allgemeinen zu erkundigen, wobei sie mir helfen würde. Natürlich lehnte ich das ab und forderte sie wiederum auf, Einzelheiten zu nennen und Beweise zu erbringen oder die Konsequenzen zu ziehen. Sie lehnt erneut ab und warnt mich, „der Ruf meines Hauses" werde darunter leiden, wenn ich die Verantwortung für Edward übernähme usw. Nichts als Klatsch, Andeutungen, Niedertracht. Die Beschuldigung, daß Edward Tussy verleumde, reduziert sich auf die Andeutung, er verbreite das Gerücht, Tussy sei im höchsten Grade eifersüchtig! – Nun, ich antwortete ihr, der Ruf meines Hauses verlange von den Menschen, die dort zusammenkommen, den Mut, zu dem zu stehen, was sie übereinander sagen; ich könnte ihr für ihren Entschluß, mich nicht mehr zu besuchen, nur sehr dankbar sein. Natürlich las ich alles Tussy und Edward vor, die sie morgen aufsuchen und in Gegenwart der Kautskys zu einer definitiven Erklärung zwingen wollen. Ich glaube nicht, daß viel dabei herauskommt, aber sollen sie es versuchen.
Ich bin froh, daß wir diese Frau glücklich los sind, die in jedem Lager zu Haus ist, bei religiösen Wirrköpfen, Anarchisten usw., und die eine richtige Klatschschwester2 ist. Zuerst hatte sie das Gerede über Edward von ihren religiösen Freunden und ließ es sich von Mutter Besant bestätigen, die allen Grund hat, ihren Mund zu halten, aber mit Edwards melodramatischer Großmut rechnet. Und lediglich, weil er darauf bestand, den tugendhaften Helden des Melodramas zu spielen, der rechts und links verleumdet wird und sich sogar noch darin sonnt, da es zu seiner Rolle gehört, und die ewige Gerechtigkeit schließlich die Wahrheit ans Tageslicht bringen und ihn strahlend in all dem Glanz seiner Tugend zeigen wird, konnte sich diese ganze Verleumdung verbreiten. Aber wir werden ihn ein bißchen anstacheln, und ich glaube, daß ihn auch die Erfahrung etwas gelehrt hat, so daß wir, sobald wir etwas Handgreifliches bekommen, all diesen Dingen ein Ende machen werden.
Gestern reiste Sam Moore von hier ab, und heute finden wir eine Postkarte vor, die für heute abend Schorlemmer anmeldet. Pumps und ihre Kinder sind da, der Junge ist wirklich ein prächtiger Bursche, der mehr Ironie besitzt als beide Eltern zusammen.
Endlich kann ich am offenen Fenster sitzen! Das ist schon etwas.
Sam Moore möchte wissen, ob Paul den Beckmann, „Hist[ory] of Inventions", den er ihm geschickt, erhalten hat.
In Zuneigung Dein
F. E.
Nim läßt herzlich grüßen. Sie ist nach dem Winter ziemlich asthmatisch.
Aus dem Englischen.