London, 26. April 87
Meine liebe Laura,
Meine Glückwünsche an Paul, le candidat du Jardin des Plantes – et des animaux1. Da er in seiner Eigenschaft als Nigger dem übrigen Tierreich um einen Grad nähersteht als wir anderen, so ist er unzweifelhaft der passendste Vertreter für diesen Bezirk. Hoffen wir, daß die animaux sich in ihrem Kampf gegen die bêtes2 behaupten werden. – Ich bin von Baslys Zurückhaltung ziemlich überrascht, aber wenn es eine Gruppe von Männern fertigbringt, von der gesamten Presse ausgeschlossen zu werden, was können sie da erwarten? Aus Mesas Brief im spanischen Socialista ersehe ich, daß auch die Blanquisten eine volte-face3 machen und sich den Possibilisten nähern – noch ein schlechtes Zeichen. Deshalb würde ein kleiner Erfolg – auch ein relativer – bei den Wahlen sehr willkommen sein, da unsere Leute augenblicklich solch Pech haben. Ich weiß sehr gut, daß diese Wolke vorüberziehen wird, daß in Paris das Parteileben ein ständiger Wechsel von Auf und Ab ist, doch zugleich kann ich nur wünschen, daß sie das nächste Mal ihre eigene kleine Wochenzeitung etwas mehr pflegen als diese wenig respektablen Tagesblätter, für die sie sich schrecklich abmühen, um ihnen einen Ruf zu verschaffen, und vor die Tür gesetzt werden, sobald sie es erreicht haben.
Dein Stanton scheint durch und durch ein Yankee zu sein. Doch der schlaueste Yankee in Europa ist ebensooft und soviel außerhalb seines Elements wie der zäheste polnische Jude. Sie beurteilen die Leute falsch, mit denen sie zu tun haben.
Die New-Yorker Exekutive hat in ihrer Verzweiflung ein weiteres Zirkular gegen Aveling vom Stapel gelassen, in dem sie sagt, daß seine Erklärungen Lügen seien, doch sehr wichtige Zugeständnisse zu unseren Gunsten macht. Wir werden natürlich antworten. Doch die Affäre ist praktisch beendet; die Exekutive ist in New York in einer anderen Affäre selbst als Schwindler und Lügner angeklagt und muß sich vor den New-Yorker Sektionen verantworten, so daß alles, was sie auch gesagt haben, sagen oder sagen mögen, jede Bedeutung verliert. Inzwischen ersucht die Aufsichtsbehörde4 der amerikanischen Partei sie (Edward und Tussy), die Sache fallenzulassen, und sie bekommen aus sehr vielen Orten sehr nette Briefe, sowohl von Amerikanern als auch von Deutschen. Damit ist die Sache im wesentlichen erledigt.
Edwards und Tussys Agitation in den East-End-Klubs geht sehr gut voran. Das amerikanische Beispiel wirkt, zumindest bietet es einen Hebel, um die englischen Arbeiter aufzurütteln.
In der League verlieren die Anarchisten an Einfluß wie überall, wo man sie ernsthaft anfaßt, anstatt mit ihnen zu tändeln. Ihr letzter Antrag gestern im Rat war, daß auf der Delegiertenkonferenz jede vérification des mandats5 abgeschafft und jeder zugelassen werden soll, der sich als Delegierter ausgibt – um ihnen die Möglichkeit für ihre üblichen Schwindelabstimmungen zu geben. Das war jedoch selbst für Morris zuviel; dennoch fand sich eine Minorität von fünf, die für solchen Unsinn stimmte!
Die Pagny-Affäre ist mir noch nicht ganz klar. Der Kern der Sache liegt in Art. 4, Nr. 16 des deutschen Strafgesetzbuches: „Pourra être poursuivi selon les lois pénales de l'empire allemand:
1. un étranger qui aura commis, à l'étranger (en pays étranger) un act de haute trahison contre l'empire allemand ou contre un des états fédérés, ou qui aura fait de la fausse monnaie.7
Die Anwendung dieses Artikels auf jemand, der kein im Ausland naturalisierter politischer Flüchtling ist, muß zu einem Zusammenstoß mit dem Heimatlande der angeklagten Person führen. Keine vernünftige Nation wird sich eine solche Behandlung gefallen lassen, und wenn sie es bei einem Engländer versuchten, würde der friedliebendste Minister gezwungen sein, sofort die britische Flotte an die deutsche Küste zu beordern. Deshalb sieht es so aus, als ob Bismarck Frankreich veranlassen will, zwischen Krieg oder Demütigung zu wählen. Anzunehmen, daß er von dem Befehl gegen Schnaebelé nichts wußte, ist unmöglich. Und doch ist die Lage in Europa so, daß ein Krieg für Bismarck ein Vabanquespiel bedeuten würde. Der Mann müßte völlig verrückt sein, um so zu handeln. Vielleicht werden die nächsten Tage einen Hinweis geben. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, daß er ein so vollendeter Esel ist.
Inliegend der Scheck über £ 12, um den Paul gebeten hat.
Nim ist wohlauf – war gestern abend mit Pumps im Theater – geht diese Woche wieder ins Princess's Theatre, auf Edwards Karten. Bier fließt reichlich – ich verbrauche volle 2 Flaschen am Tag und marschiere drei Meilen, an den letzten paar Sonntagen habe ich ein Glas Portwein getrunken – voilà du progrès!8
Bien à vous, je vous embrasse9
F. Engels
Aus dem Englischen.