London, 21. März 1887
Meine liebe Laura,
Ich habe Fortins Ms. erhalten, doch fürchte ich, daß es einige Zeit in meinem Pult ruhen wird, da ich mein Auge noch immer behandeln muß. Natürlich war die Entzündung lediglich das Symptom für das eigentliche Leiden, eine Schwäche, die durch Überanstrengung des Auges, besonders zur Nachtzeit, hervorgerufen wurde, und die nur durch die Beseitigung der Ursache geheilt werden kann; infolgedessen verbringen Nim und ich unsere Abende jetzt beim Kartenspiel, und ich finde, daß es hilft, aber noch ein Weilchen fortgesetzt werden muß. Wenn Paul weiterhin in der gewohnten Weise in der Bibliothèque usw. arbeitet, fürchte ich, daß er dafür zu leiden haben wird, obgleich sein Arzt es natürlich wissen muß.
Um erst das Geschäftliche zu erledigen: Inliegend Scheck über £ 12, und außerdem teile ich Dir mit, daß man hier nichts von Longuet gehört hat. Ich schickte ihm eine Postkarte und fragte, ob er das an „La Justice“ adressierte Exemplar des „Kapitals“ erhalten habe; ebenfalls keine Antwort.
Die giffles1 zwischen dem „Voie“ und dem „Cri“ mögen die Pariser amüsieren, doch täte es mir sehr leid, unsere Freunde dort auf das Niveau von saltimbanques at foires2 herabsinken zu sehen, die sich die öffentliche Aufmerksamkeit durch zu diesem Zweck provozierte Streitigkeiten und Kämpfe erzwingen. Wenn man das in Paris durchgehen läßt, so anderswo gewiß nicht, und es ist bestimmt nicht der Weg, bei der Arbeiterklasse außerhalb Frankreichs die Achtung für unsere Pariser Freunde zu erhöhen. Ich kann mir vorstellen, daß Goullé an Labruyère Ohrfeigen austeile, als sie den „Voie“ hatten, um der Sache ihre eigene Version zu geben; doch daß Goullé und Deville das wiederholen, nachdem die Zeitung eingegangen und sie zum „Radical“ Zuflucht nehmen mußten, scheint mir völlig bar jeder Vernunft. Die Version des „Cri“ erreicht alle ausländischen sozialistischen Zeitungen, die des „Radical“ nicht, es sei denn, er würde per Express zugesandt. Doch wie auch immer, diese Art Streitereien nach Manier der deutschen Knoten3 vor 1848 auszutragen, muß Ausländern ein sehr schlechtes Bild von den Führern des französischen Sozialismus geben und läßt einen beinahe schmerzlich das unter den Journalisten des Zweiten Kaiserreichs praktizierte Duellieren vermissen, denn das war nur lächerlich. Je schneller die ganze Affäre in Vergessenheit gerät, um so besser für unsere Leute.
Der alte Wilhelm, wenn nicht schon tot, scheint im Sterben zu liegen – siehe inliegenden Ausschnitt aus dem „Weekly Dispatch“. Und die Dynamitbomben von St. Petersburg scheinen schließlich ihr Ziel nicht verfehlt zu haben. Siehe die elende Erklärung, welche die russische Regierung über Reuter (!!) in ganz Europa verbreiten ließ. Der Zar4 geht vor der Revolution in die Knie, und sogar die russophile „Daily News“ sagt, daß dieses erbärmliche Dokument nur mit dem erbärmlichen Telegramm Alexander Battenbergs an den Zaren verglichen werden kann. Diese Sache sieht wirklich wie der Anfang vom Ende in Rußland aus, und das wäre auch der Anfang vom Ende in Europa. Was für ein Narr muß dieser Zar sein! Nicht zu sehen, daß er, als er die Verschwörung zur Entführung, und wenn nötig Ermordung, des armen Esels Alexander Battenberg anzettelte, dasselbe Vorgehen gegen sich selbst rechtfertigte und seine eigenen Feinde aufrief, seine eigenen Methoden an ihm anzuwenden!
Pumps wird morgen aus Eastbourne zurück erwartet. Edward hielt gestern vormittag – zum erstenmal nach seiner Angina – einen Vortrag in einem radikalen Klub in East End; er führt eine sehr nützliche und wahrscheinlich erfolgreiche Kampagne unter den East-End-Radikalen, um sie dazu zu bewegen, sich von der großen liberalen Partei zu lösen und eine Arbeiterpartei nach Art der amerikanischen zu bilden. Wenn er Erfolg hat, wird er die beiden sozialistischen Associationen in seinem Fahrwasser haben, denn er hat hier Einfluß auf die wirklich spontan entstandenen Arbeiterorganisationen und rührt an das Herz der Arbeiterklasse. Bis jetzt hat er gute Aussichten. Tussy und er werden diese Woche in ihren neuen Wohnsitz nach Chancery Lane umziehen, da sie morgen aus 38, St. George’s Square ausziehen müssen, werden sie vielleicht einige Tage bei uns bleiben.
Grüße von Nim.
In Zuneigung Dein
F. Engels
Aus dem Englischen.