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Engels an Friedrich Adolph Sorge
in Hoboken

London, 10. März 87

Lieber Sorge,

Postkarte vom 22. und Brief 21. Febr. erhalten. Richtig geraten. Abschrift des langen Briefs zu schicken wäre nutzlos, da die Formulierung der Beschwerden im Zirkular der Exekutive wesentlich anders und gelinder, und bis jetzt alles andre nur Privatklatsch. Wie die Leute in Europa die Sache auffassen, zeigt Singers Antwort auf das ihm eingeschickte Zirkular A[veling]s: „Es ist die alte Geschichte, nur schade, daß auch die Avelings dran glauben müssen.“ Dies Zirkular, das ich Dir in 4 Ex. englisch und 4 deutsch einschickte, sowie meinen Brief von vor ca. 8 Tagen wirst Du wohl erhalten haben.

Die W[ischnewetzky] ist nicht imstande, das „Manifest“ zu übersetzen. Das kann nur einer, nämlich Sam Moore, und der ist grade dran; den ersten Abschnitt habe ich schon im Ms. Es ist aber dabei zu erinnern, daß sowohl das „Manifest“ wie fast alle kleineren Sachen von Marx und mir für Amerika augenblicklich noch viel zu schwerverständlich sind. Die dortigen Arbeiter kommen erst eben in die Bewegung hinein, sind noch ganz roh, namentlich theoretisch enorm zurück durch ihre allgemein angelsächsische und speziell amerikanische Natur und Vorbildung – es muß da der Hebel unmittelbar an die Praxis angesetzt werden, und dazu ist eine ganz neue Literatur nötig. Ich habe der W[ischnewetzky] schon früher vorgeschlagen, die Hauptpunkte aus dem „Kapital“ in selbständigen kleinen Broschüren populär zu verarbeiten.1 Sind die Leute erst einigermaßen auf der richtigen Bahn, dann wird das „Manifest“ seine Wirkung nicht verfehlen, jetzt würde es nur bei wenigen wirken.

Deine Bemerkungen wegen des englischen „Kapital“ habe ich dem Verleger2 mitgeteilt, der die sehr praktische Antwort gab: ein günstiger Artikel in „N[orth] Am[erican] Review“ würde hinreichen, einen amerikanischen Nachdruck hervorzurufen, und da wolle er vorher erst das Fett abschöpfen. Übrigens verkauft sich das Ding auch in Amerika sehr gut, außer Bordollo hat noch ein andrer großer Buchhändler flott bestellt, und dabei ist der Absatz auch hier so rasch gegangen, daß die ganze erste Auflage bis auf 50 Ex. bereits vergriffen, und die zweite – noch zum selben Preis – im Druck ist. Und das trotz sehr geringes Annoncierens und ehe ein einziges großes Blatt davon gesprochen! Der erste ernsthafte Artikel darüber stand im „Athenaeum“, 5. März, sehr günstig. Jetzt werden die andern nachfolgen und uns die zweite Aufl. verkaufen helfen, worauf dann wohl die wohlfeile 3. Ausg. kommen kann.

Die Sozialistische Arbeiter-Partei mag sein, wie sie will, und sich die Erfolge der Arbeit ihrer Vorgänger noch so sehr aneignen, so ist sie die einzige im ganzen auf unsrer Basis stehende Arbeiter-Organisation, die es in Amerika gibt, ist in über 70 Sektionen über den ganzen Norden und Westen verbreitet, und als solche, und nur als solche, habe ich sie anerkannt. Daß sie eine Partei nur dem Namen nach, habe ich ausdrücklich gesagt. Und ich bin überzeugt, die Herren von der Exekutive waren sehr enttäuscht über meine Vorrede und hätten sie lieber nicht gehabt. Sie gehören ja selbst der Richtung an, von der ich sage, daß sie die Partei ruinieren wird, wenn sie die Oberhand bekommt. Und sie scheint es darauf abzusehen. Rosenberg greift in der hiesigen „Justice“ die Knights of Labor an, wegen des longshoremens Strike3; mag in den einzelnen Tatsachen nicht ganz unrecht haben, beweist aber einen Mangel an Einsicht in den Gang der Bewegung, der die Partei bald kaputtmachen wird, wenn die Leute forttregieren. Grade die Dummheiten der streberhaften Führer der Knights of Labor und ihre unvermeidlichen Konflikte in den östlichen Großstädten mit den Central Labor Unions müssen ja die Krise innerhalb der Knights of Labor herbeiführen und auf die Spitze treiben, aber das sieht das Rindvieh nicht.

Hier ist die Unemployed Agitation der Social Democratic Federation auch resultatlos zusammengeklappt; die Kirchenparade in S. Pauls war eine alberne Nachäffung der Chartisten und ebenfalls resultatlos, kurz, es ist hier noch nichts. Nächsten Herbst geht’s vielleicht besser, wünschenswert wäre, daß vorher die Lumpaci an der Spitze der Social Democratic Federation sich abgeschlissen hätten und verschwänden.

Dein
F. E.