London, 3. März 87
Lieber Sorge,
Hiermit gleichzeitig sende ich ab ein Paket mit 1 „Commonweal“, 1 „To-Day“, 3 „Gleichheit“ und 4 Ex. deutsch, 4 Ex. englisch von Avelings zweitem Zirkular.
Die dortige Exekutive macht die wunderbarsten Manöver, um zu einer Billigung ihrer kindischen Aktion gegen Aveling zu gelangen. Die Versuche bei den Sektionen ersiehst Du aus A[veling]s Zirkular (das der Exekutive wirst Du dort wohl zu Gesicht bekommen). Seitdem aber hat sie, ohne die Sektionsabstimmung abzuwarten, die ganze Geschichte der Aufsichtsbehörde übergeben, damit diese ihr aus der Patsche helfen soll. Natürlich geht Aveling jetzt auch an die Aufsichtsbehörde, sendet ihr alle Dokumente ein, und wir wollen sehn, was aus der Sache wird.
Die Exekutive beschränkt sich wohlweislich auf die uralte und bei Deutschen im Ausland ewig neue Geschichte von der Verprassung der Arbeitergroschen; die weiteren Anklagen wegen Versuchs der Unterschlagung etc. werden also wohl nur im stillen verbreitet. Die Zirkulare wirst Du wohl Gelegenheit finden zu verwenden.
Mit den Wahlen in Deutschland können wir sehr zufrieden sein. Der Stimmenzuwachs ist brillant, besonders unter dem herrschenden Hochdruck nicht nur der Regierung, sondern auch der Fabrikanten, die überall, wo es anging, die Arbeiter zwischen Entlassung und Zwangsabstimmung für den Bismärcker stellten. Ich fürchte, dies wird sich bei den gestrigen Stichwahlen aufs neue zeigen, deren Resultate hier noch nicht bekannt sind. Der Papst1 verbietet den Katholiken, für uns zu stimmen, die Fortschrittsherren ziehen den Bismärcker dem Sozialisten freiwillig vor, und die Fabrikanten üben direkten Zwang – wenn wir da noch ein paar Sitze erobern, so sind sie redlich erkämpft. Aber auf die Zahl der Sitze kommt's gar nicht an, nur auf die statistische Darlegung des unaufhaltsamen Parteizuwachses.
Du meinst, die Leute blamierten sich mit der Wahl der Geiser, Frohme, Viereck usw. Das geht nicht anders. Sie müssen die Kandidaten nehmen, wo sie sie finden und wie sie sie finden. Das ist allgemeines Geschick aller Arbeiterparteien bei diätenlosen Parlamenten. Hat auch gar nichts zu sagen. Die Leute machen sich über ihre Repräsentanten gar keine Illusionen; der beste Beweis dafür war die vollständige Niederlage der „Fraktion“ in ihrem Kampf mit dem „Soz[ial]demokrat“. Und die Herren Abgeordneten wissen es auch; die Herren vom rechten Flügel wissen, daß sie nur infolge des Sozialistengesetzes noch toleriert werden und sofort an die Luft fliegen an dem Tag, wo die Partei wieder Bewegungsfreiheit erhält. Auch dann wird's mit der Repräsentation noch schofel genug stehn, aber ich meine, es ist mir lieber, wenn die Partei besser ist als ihre Parlamentshelden – als umgekehrt.
Auch wegen Liebknechts kannst Du ruhig sein. Der Mann ist in Deutschland ganz richtig erkannt. Ich habe selten einen Mann gekannt, über den die Urteile der verschiedensten Leute so sehr übereinstimmten, wie L[iebknecht]. Während er sich einbildet, er habe sie alle im Sack, beurteilen sie ihn ganz kritisch. Sein unverbesserlicher Optimismus, namentlich bei allen Dingen, wo er selbst ein Händchen im Spiel hat, sein fester Glaube, daß Er die Seele der Bewegung ist, alles macht, alles zum besten leitet, und nur die andern „Esel“ die Sachen verderben, sein Drang, alles in Ordnung zu bringen und alle Gegensätze durch Auflösung in Phrasen zu vertuschen, seine Sucht, äußere momentane Erfolge zu erreichen – selbst auf Kosten dauernder Verluste – alles das ist sehr gut bekannt. Aber die Leute wissen auch, daß alle diese Fehler nur die Kehrseiten sehr wertvoller Eigenschaften sind, und daß er ohne diese Schwächen eben das nicht leisten könnte, was er wirklich leistet. Solange Bebel neben ihm steht, wird er zwar viel unnütze Scherereien und Klüngeleien verursachen, aber keine großen Böcke machen. Und wenn es zur Trennung von den Spießbürgern kommt, wird er sie bis zum letzten Augenblick verteidigen, aber im entscheidenden Moment am richtigen Ort stehn.
Ich hoffe, Deine Gesundheit bessert sich mit dem Frühjahr.
Dein
F. Engels