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Engels an Laura Lafargue
in Paris

London, 24.Febr. 1887

Meine liebe Laura,

Die Révolution en Allemagne – Prise de Berlin1 – geht nicht exakt den Weg, der im „Weg des Volkes"2 geschildert wird. Der Voie du peuple auf der anderen Seite der Vogesen führt nicht exakt über die Boulevards des schönen Paris. Ganz zu schweigen von Irrtümern bei verlorenen und gewonnenen Sitzen usw., liegt der Erfolg unserer deutschen Freunde in anderer Richtung, als sie ihn suchen. Erstens haben wir bis jetzt Sitze verloren und keine gewonnen, doch das spielt keine Rolle, obwohl es eine Tatsache ist. Die entscheidende Tatsache ist die: während wir in den sächsischen Bezirken der Handweberei (die ausstirbt), die ursprünglich unsere Hochburgen waren, langsam an Boden verlieren, gewinnen wir nicht allein in den großen Städten viel schneller, sondern auch in allen ländlichen Industriebezirken. Ich habe die genauen Zahlen von 43 Bezirken mit je einem Abgeordneten, einschließlich Berlin, Hamburg, Dresden, München, Leipzig, Hannover, Magdeburg, Elberfeld, Köln, Düsseldorf, Nürnberg, Stuttgart, Frankfurt usw., natürlich meist große Städte. In diesen hatten
wir insgesamt Stimmen 408360
in denselben Orten 1884 – 321876
Gewonnen 86484
oder 27 Prozent zu den Stimmen von 1884, in 3 Jahren; und das einschließlich der 5 Bezirke, in denen wir Stimmen verloren haben.

In ein paar Tagen werde ich mehr Daten haben, um meine Liste zu erweitern, die alle Bezirke erfaßt, deren Zahlen ich kenne. Berlin hat glänzend abgeschnitten, und ich fange an, Vertrauen in diese sonst lächerliche Stadt zu bekommen.

Der auf unsere Leute ausgeübte Druck war ungeheuer. Nicht einmal die öffentliche Bekanntmachung ihrer Kandidaten war erlaubt. Jeder, der an der Wahl durch Verteilung von bulletins de vote3 usw. teilnahm, wurde notiert – was in den zahlreichen Städten, die im Belagerungszustand sind, Ausweisung bedeutet. Überall, wo es anging, begleiteten die Fabrikanten die Arbeiter an die Wahlurne und achteten darauf, daß sie für Bismarck stimmten, wenn sie nicht sofort aus ihrer Arbeitsstelle entlassen werden wollten. Und all das wird sich aufs neue und verstärkt bei der Stichwahl zeigen, in der wir unsere meisten Sitze zu erobern hoffen.

Singer ist der Lockroy – le premier élu de l'Allemagne4. Er hatte 32227 Stimmen, dessen sich kein anderes Mitglied rühmen kann. Bebel ist in Hamburg durchgekommen, Liebknecht in Offenbach5 durchgefallen; hätte er 50 Stimmen mehr gehabt, dann wäre er in Bremen in die Stichwahl gekommen und bestimmt gewählt worden. Doch es werden sicher Nachwahlen stattfinden, so daß es nicht an einem Platz fehlen wird, wo er sein Hinterteil ausruhen kann. Ich kenne nicht die genaue Anzahl der Stichwahlen, an denen wir interessiert sind, es sind mindestens 16. Wir werden fast alle gewinnen – soweit ich es beurteilen kann –, wenn wir nicht vom Zentrum oder den Fortschrittlern im Stich gelassen werden, was sehr wohl möglich ist.

Während gewöhnlich 55 bis 65% der Wähler ihre Stimmen abgaben, sind die Philister diesmal in großer Zahl gekommen; 85 bis 90% der in den Listen eingetragenen. Und dies erklärt viele Niederlagen.

Ich bin außerordentlich zufrieden mit den Wahlen im Elsaß. Sie werden uns helfen, diese Undefinierbaren – die weder Fisch noch Fleisch noch guter Räucherhering sind – um so leichter loszuwerden.

In ein paar Tagen wirst Du ein gedrucktes Zirkular mit Avelings Antwort auf die Anklagen der New-Yorker Exekutive erhalten. Wenn ihr Zirkular nicht an den Deutschen Klub in Paris geschickt wurde, wurde es überhaupt nicht nach Paris geschickt. Es ist nichts anderes als die gewöhnliche Beschwerde von Knoten6 gegen Gelehrte7, daß sie von Arbeitergroschen extravagant leben. Glücklicherweise haben wir eine gute Erwiderung.

Sage Paul, daß seine Entdeckung über die Beschneidung im Orient das Schicksal vieler meiner Entdeckungen in der Naturwissenschaft teilt, d.h., daß sie schon vorher gemacht wurde. Ich habe dieselbe Sache schon vor langem in deutschen Büchern gelesen, und es sollte mich nicht wundern, wenn sie bereits in der „Symbolik" des alten Creuzer enthalten war, die so alt wie die Schlacht von Waterloo ist.

Der arme Edward erhielt einen furchtbaren Schock durch diese lächerlichen Anschuldigungen, so kurz nach seiner Angina. Er ist nicht allzu reich mit Widerstandskraft gegen Krankheiten gesegnet, und so warf ihn das sehr zurück. Er war häufig in Hastings und fährt auch heute abend wieder dorthin.

Die heutige letzte Seite des „Voie" sieht ziemlich komisch aus, nur „Bel Ami" und keine Anzeigen. Etwas zu viel auf einmal, meine ich.

Halb sechs – Postschluß8 – und die Tischglocke! Also lebe wohl für heute.

Wie immer in Zuneigung

Dein
F. Engels

Aus dem Englischen.