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Engels an Paul Lafargue
in Paris

London, den 16. Februar 1887

Mein lieber Lafargue,

Meine Glückwünsche den Freunden zum Wiederaufleben des „Voie"1, der, hoffen wir es, diesmal der Weg des Triumphes sein wird. Was Laura mir vom „Cri" geschickt hat, ist wirklich todlangweilig, nicht einmal die deutsche Reptilienpresse Bismarcks hat eine so einschläfernde Wirkung. Hoffen wir, daß die Pariser sich weigern werden, diese leaders2 zu schlucken, trotz der pikanten Skandalgeschichten und Feuilletons als Beigabe.

Ich habe Tussy Lauras Brief, was Lawrow betrifft, vorgelesen, sie wird sich damit befassen, aber sie hat alle Hände voll zu tun. Zuerst hat Aveling eine quinsy3 gehabt (die er sofort für Diphtherie hielt), und als Patient ist er ebenso unleidlich wie Pumps. Dadurch hat sie 3 oder 4 Nächte nicht geschlafen und mußte sich um seine, Edwards, Angelegenheiten kümmern (rumänische Satzkonstruktion, die mir in die Feder rutscht, da ich mich ein wenig mit dieser Sprache beschäftige), sie hatte keine Zeit, nach Lawrows Büchern herumzulaufen. Aber es ist noch etwas anderes dazwischengekommen. Ich habe einen langen Brief von der Wischnewetzky erhalten, aus dem hervorgeht, daß die Dummköpfe vom Exekutivkomitee der Socialist Labor Party Aveling so etwas wie einen Prozeß machen möchten und ihn beschuldigen, er habe die Partei mit seinen Reisespesen betrügen wollen, sie wollen in den Sektionen Resolutionen gegen ihn durchbringen und ihn dann in einem Zirkular an die Arbeiterparteien Europas als swindler4 denunzieren. Sie hat sogar die Stirn gehabt, mir vorzuschlagen, ich solle Kautsky sagen, er täte gut daran, von Aveling nichts mehr zu drucken. Und alles dies, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, daß der Angeklagte zumindest das Recht hat, gehört zu werden! Sie können sich meine Antwort vorstellen5 Vorgestern trifft nun ein erstes Zirkular der Exekutive ein, voller absurder Anschuldigungen gegen A[veling], die zu entkräften nicht schwerfallen wird. Aber es ist keine Zeit zu verlieren; die amerikanischen Sektionen sollen ihre Resolutionen am 15. März nach New York schicken, und man hat die Übersendung des Zirkulars nach hier schon reichlich verzögert, um jegliche Verteidigung fast unmöglich zu machen. Aveling ist in Hastings, wohin ihn der Arzt geschickt hat; er wird am Freitag zurück sein. Inzwischen werden wir in einem Zirkular in Umlauf bringen, daß er sich verteidigen wird, und bis dahin Aufschub der Abstimmung verlangen. Gleich nach seiner Rückkehr werden wir an die Verteidigung gehen. Ich übersende Ihnen das erste Zirkular Avelings in dieser Angelegenheit, das im Grunde genug Beweismaterial enthält. Es wäre gut zu wissen, ob die Exekutive ihr Zirkular an die Arbeiterpartei oder an die Deutschen in Paris geschickt hat; in Zürich hat Kautsky bereits die notwendigen Schritte unternommen. Aber nach all dem werden Sie begreifen, daß Tussy alle Hände voll zu tun hat.

Ich erinnere mich nicht mehr, ob ich Ihnen geschrieben habe, daß Fortin mit der Regelung zufrieden ist, die mit Laura hinsichtlich seines Manuskripts getroffen wurde. Es bleibt also nur noch übrig, Lavigne wissen zu lassen, daß sein Manuskript bei Ihnen ist, was ich Sie zu tun bitte; da ich nicht weiß, ob seine alte Adresse noch stimmt, kann ich ihm auch nicht schreiben.

Ich weiß nicht, ob Sie „Materialismul economical lui Karl Marx" von Lafargue gesehen haben, ich sah es in der „Revista Socială", Jassy, vom Dezember annonciert, in der die Übersetzung meines Artikels aus dem „Socialiste" erschien – übrigens eine ziemliche Rohübersetzung. Das Rumänische ist doch eine komische Sprache. Für arbeiten sagen sie „lucrare" = im Lateinischen sich den Mehrwert aneignen; andererseits ist der Arbeiter „muncitorul" – ein Wort slawischen Ursprungs, das sowohl buchstäblich wie etymologisch dem russischen moutchitel6 entspricht – mit anderen Worten, der Gepeinigte! Für Rebellion haben sie das slawische Wort răscoala, das heißt Kirchenspaltung (das russische raskolnik = Kirchenspalter, Häretiker). Übrigens ist sie für eine Sprache lateinischen Ursprungs ziemlich schwierig; denn sie mißhandeln das Lateinische und das Slawische (dem sie viele Wörter und Laute entnommen haben) gleichermaßen mit einer bezaubernden Nonchalance. Das Bulgarische (man hat Kautsky eine bulgarische Zeitschrift geschickt) ist sehr viel leichter für den, der Russisch oder Serbisch kann.

Laura wird in der „Neuen Zeit" vom Februar unsere Antwort an Professor Menger gesehen haben.

Nach allem, was ich sehe, haben die französischen Zeitungen auf die dummen Provokationen Bismarcks großartig reagiert. Wenn man das Temperament des letzteren bedenkt, ist es unmöglich zu sagen, ob er den Krieg will oder nicht. Aber alles, was ihn zwingt, entweder in Frieden zu Hause zu bleiben oder zum offenen Aggressor zu werden, ist für uns gut. Er ist heute mit Frankreich da, wo er mit Wilhelm7 im Mai 1866 war, nachdem er den österreichischen Krieg vorbereitet hatte, den dieser verabscheute: „es ist mir gelungen, dieses alte Pferd an das Ufer des Grabens zu führen, aber es will ihn nicht überspringen". Und wenn die Franzosen sich behaupten, wird Bismarck in einer verteufelt schwierigen Lage sein. Schon hofft er, mit Hilfe des Volkes seine Mehrheit zu gewinnen. Der Papst wird ihm das Septennat zugesichert haben (nachdem man schon die neuen Regimenter für drei Jahre bewilligt hat, wird man sie ihm auch für sieben Jahre geben), aber wenn die Mehrheit im Reichstag in allen anderen Fragen in Opposition bleibt, hat Bismarck nicht gewonnen. Indessen muß jedermann zugestehen, daß alle Parteien in Deutschland Grund haben, Wahlniederlagen zu befürchten, mit Ausnahme der Sozialisten, die eines großen Erfolges sicher sind.

Zetkin bittet mich um einen Brief für die Versammlung am 19., ich werde Ihnen denselben morgen schicken, ich weiß noch nicht, was ich sagen soll.

Umarmen Sie Laura für mich.

Freundschaftlichst Ihr
F. E.

Aus dem Französischen.