London, 12.Febr. 87
Lieber Sorge,
Deinen Brief vom 30.Jan. gestern erhalten, und vorgestern wieder Diverses an Dich abgesandt. Weiteres folgt in ein paar Tagen. Das „Kapital“1 englisch verkauft sich sehr gut, der Esel von Verleger2, der gar nicht ahnte, was er daran hatte, ist ganz überrascht.
Mit Deiner Gesundheit geht’s hoffentlich besser. Die Enthaltsamkeit wird auch mir zur Pflicht, alle Tage kommt irgendein kleines körperliches Häkchen, das Rücksicht verlangt und in die gewohnte devil-may-care3 Lebensweise eingreift. Dagegen ist nun einmal kein Kraut gewachsen.
Laf[argue] versprach mir, als er Weihnachten hier war, Dir den „Socialiste“ regelmäßig zu schicken. Von dem Artikel „Situation etc.“ erhielt ich erst nach seiner Rückkehr ein paar Extra-Exemplare! Er hat den Franzosen die Augen darüber geöffnet, daß der Krieg für sie den Untergang der Republik bedeutet – es sei denn, daß ganz ausnahmsweis günstige Umstände eine europäische Revolution daraus hervorgehn lassen, was aber die Bourgeois, Kleinbürger und Bauern auch nicht wollen. Daran hatte vorher keiner gedacht, jetzt sagen sie es alle. Ich lese den Artikel jetzt rumänisch in einer in Jassy erscheinenden konfusen „Revista Sociala“ und lerne dabei die Sprache.
Die Herren von der Exekutive der Sozialistischen Arbeiter-Partei benehmen sich ganz infam gegen Avelings. Nachdem durch ihre Indiskretion, wo nicht Inspiration, der „Herald“-Artikel zustande gekommen, kam ein ganz infamer Artikel in der „Volkszeitung“, für den ich einstweilen nur Herrn Douai verantwortlich machen kann. Avelings antworteten auf den „Herald“-Skandal mit incl. Zirkular, das gegen 18.Jan. von hier an alle Sektionen abging, auch an die Exekutive. Diese läßt mir nun 28.Jan. durch eine Person4, die ich zunächst nicht nennen darf, und die Du also erraten mußt, einen verlegnen Brief schreiben, worin es als Tatsache, unbezweifelbare Tatsache hingestellt wird, Aveling habe den Versuch gemacht, sie zu prellen, er habe – so wird aus christlicher Liebe supponiert – falsche Rechnungen eingeschickt, um damit die Hotelausgaben seiner Frau zu decken (für Tussy zahlte die Partei nur die Eisenbahnkosten), und die Rücksendung der $ 176 ändre daran nichts, denn das sei gar nicht der Punkt, worum es sich handle usw. Lauter Insinuationen, keine einzige Tatsache, nicht einmal eine bestimmte Anklage. Und dann heißt es: man habe bereits von den New-Yorker Sektionen einen Beschluß darüber fassen lassen und werde ihn von den übrigen Sektionen bestätigen lassen, um dann ein Zirkular zur Brandmarkung Avelings an die sämtlichen europäischen Parteien zu erlassen. Und ich werde aufgefordert, Kautsky zu warnen, ja nichts mehr von einem Subjekt wie Aveling zu drucken, der aus allen Parteiorganen herauszuwerfen sei!
Du kannst Dir denken, wie ich auf diese Gemeinheiten geantwortet habe. Wenn ich jemand finde, der den Brief abschreibt, so schicke ich ihn Dir – ich kann ihn wegen entzündeten Augs nicht zum drittenmal abschreiben. Die Herren haben nicht den allergeringsten Vorwand. Denn als am 23.Dez. Aveling durch einen Brief Rosenbergs zuerst hörte, daß die Exekutive gegen einige items seiner Rechnung Einwendungen machen werde, schrieb er sofort zurück an R[osenberg] und sandte den Brief per special messenger5: I cannot discuss money-matters with the Party, and am ready to accept anything without discussion that the National Executive of the Socialist Labour Party thinks right!6 Und das war, noch ehe er wußte, was sie sagen und ihm bieten würden! Und jetzt gehn die Kerle her, stecken $ 176 ein, die nach ihrer eignen Aufstellung den Avelings gehören, und erklären ebendeswegen nicht sich, sondern den Aveling für einen Schwindler!
Nun, wir werden die Sache schon ausfressen. Leider aber wissen wir hier, außer Dir, von keinem Menschen in New York, auf den Verlaß ist, seitdem auch die „Volkszeitung“ sich so kommunistisch benommen. Wenn Du uns wissen lassen könntest, wie sich Schewitsch und andre benehmen, ob sie sich schon haben von den Lügen der Exekutive beschwätzen lassen oder nicht, so wäre mir das lieb. Wir wüßten doch wenigstens, an wen in New York man sich wenden könnte, ohne Dich zu belästigen. Wundern aber muß es mich, daß dasselbe Volk in New York, das sich über die Chicago Jury entrüstet, hier die Schmählichkeit dieser Jury noch überbietet und Leute verdonnert, ohne sie auch nur zu hören, ja ohne ihnen nur zu sagen, wessen sie angeklagt sind.
Dein
F. E.