London, den 26. Januar 1887
Lieber Bürger,
Ich antwortete Ihnen am 18. d. M. auf Ihr wertes Schreiben vom 9. des Monats und erhielt danach Ihren Brief vom 21.
Ich kann nur bestätigen, was ich schon in meinem letzten Brief sagte: wenn man kein Englisch spricht, kann man sich weder in England noch in den Vereinigten Staaten von Nordamerika seinen Lebensunterhalt anders als durch manuelle Arbeit verdienen.
Die Argentinische Republik würde vielleicht ein günstigerer Boden sein; dort gibt es eine starke italienische Kolonie, und Spanisch würden Sie ohne große Schwierigkeiten lernen. Aber es ist weit, die Reise kostspielig, die Rückkehr schwierig. Das Land macht Fortschritte, doch das ist auch alles, was ich darüber sagen kann. Da ich die argentinischen Gesetze nicht kenne, weiß ich nicht, unter welchen Bedingungen man dort vom Elementarschulunterricht leben kann.
Was den Kommerz betrifft, so befasse ich mich seit 18 Jahren nicht mehr damit und habe keinerlei Verbindungen mehr zu Handelshäusern oder Fabriken; außerdem wäre meine Empfehlung in einigen Fällen schlimmer als gar keine (falls sich ein Haus fände, dessen Mitarbeiter mich noch kennen); denn man kennt mich nicht als Geschäftsmann vergangener Zeiten, sondern als aktiven Sozialisten der Gegenwart. Außerdem wimmelt es überall in den großen Städten von arbeitsuchenden Handelsangestellten, die nicht des Sozialismus verdächtig sind, und sie werden wegen ihrer Handelsausbildung bevorzugt. Ich habe lange überlegt, ob es nicht möglich wäre, von dieser Seite her einen Ausweg zu finden, doch mir ist nichts eingefallen.
Ich schreibe nach Wien in Österreich und nach Hamburg, um vielleicht dort etwas zu finden, allerdings besteht keine große Hoffnung; trotzdem – machen wir den Versuch, das Ergebnis werde ich Ihnen mitteilen.
Sie täten ebenfalls gut daran, an Lafargue zu schreiben; er war hier, als Ihr Schreiben vom 9. Januar eintraf, erhielt Kenntnis davon und sagte, daß auch er leider wenig Hoffnung habe, in Paris eine Anstellung für Sie zu finden; doch es bestehe die Möglichkeit, daß er nach Rückkehr zu seinen Freunden Genaueres erfährt und seine Meinung ändert. Ich werde ihm in Ihrer Angelegenheit auch noch einmal schreiben.1
Die große Schwierigkeit besteht darin, daß wir Sozialisten nicht nur im politischen, sondern auch im bürgerlichen Leben geächtet sind, und daß sich die gesamte Bourgeoisie ein Vergnügen und eine Pflicht daraus macht, uns auszuhungern. Und diese Ächtung trifft vor allem Gelehrte und Gebildete, die man für Deserteure hält, die aus der eigenen Klasse ins feindliche Lager übergegangen sind. Auf diese Schwierigkeit stößt man überall, und wir haben sie in den Jahren 1844 und 1849 selbst zu spüren bekommen; wie oft haben Marx und ich es bedauert, daß wir nicht irgendein Handwerk erlernt hatten, das auch für die Bourgeoisie unentbehrlich ist, denn sie kann ohne die Erzeugnisse der manuellen Arbeit nicht leben!
Wäre es nicht möglich, eine Beschäftigung bei einer der sozialistischen italienischen Zeitungen zu bekommen, in Mailand oder anderweitig? Ich erhalte sie nicht und bin deshalb über die gegenwärtige Lage der sozialistischen Partei Ihres Landes wenig unterrichtet. Auf jeden Fall wäre es vorzuziehen, wenn Sie in Italien bleiben könnten.
Ich wiederhole, ich werde gern alles tun, was in meinen Kräften steht, um einen Ausweg aus Ihren Schwierigkeiten zu finden, nur tut es mir leid, daß ich keine besseren Aussichten bieten kann. Ich werde nicht vergessen, was Sie für die Verbreitung unserer Ideen und meiner Schriften in Italien getan haben, und wenn ich irgendwo irgend etwas für Sie finde, werde ich es mir nicht entgehen lassen, dessen können Sie versichert sein.
Herzlich grüßt Sie
F. Engels
Aus dem Italienischen.