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Engels an Friedrich Adolph Sorge
in Hoboken

London, 29.Nov. 86

Lieber Sorge,

Heut morgen hab' ich die letzte Korrektur der Vorrede1 zum Verleger getragen und bin somit endlich von diesem Alp los. In 14 Tagen hoffe ich Dir ein Ex. der Übersetzung senden zu können. Übermorgen kommt Frau Liebknn[echt] ihren Mann hier erwarten, der erst vorgestern von New York abgefahren.

Der Henry-George-Boom hat natürlich eine kolossale Masse Schwindel an den Tag gefördert, und ich bin froh, daß ich nicht dabei war. Trotz alledem aber ist es ein epochemachender Tag gewesen. Die Deutschen haben nun einmal nicht verstanden, von ihrer Theorie aus den Hebel anzusetzen, der die amerikanischen Massen in Bewegung setzen konnte; sie verstehn die Theorie großenteils selbst nicht und behandeln sie doktrinär und dogmatisch als etwas, das auswendig gelernt werden muß, dann aber auch allen Bedürfnissen ohne weiteres genügt. Es ist ihnen ein Credo, keine Anleitung zum Handeln. Dazu lernen sie aus Prinzip kein Englisch. Daher mußten die amerikanischen Massen ihren eignen Weg suchen und scheinen ihn zunächst in den Knights of Labor gefunden zu haben, deren konfuse Grundsätze und lächerliche Organisation ihrer eignen Konfusion zu entsprechen scheint. Nach allem aber, was ich höre, sind die Knights of Labor namentlich in New England und dem Westen eine wirkliche Macht und werden es täglich mehr durch die brutale Gegnerschaft der Kapitalisten. Ich glaube, daß es nötig ist, innerhalb ihrer zu wirken, innerhalb dieser noch ganz plastischen Masse einen Kern von Leuten auszubilden, der die Bewegung und ihre Ziele versteht und damit von selbst die Leitung wenigstens eines Teils bei der unvermeidlich kommenden Sprengung des jetzigen „Ordens“ übernimmt. Die faulste Seite der Knights of Labor war ihre politische Neutralität, die auf reine Mogelei der Powderlys etc. hinausläuft; dieser ist aber die Spitze abgebrochen durch die Haltung der Massen bei den Novemberwahlen und namentlich in New York. Der erste Schritt, worauf es in jedem neu in die Bewegung eintretenden Land ankommt, ist immer die Konstituierung der Arbeiter als selbständige politische Partei, einerlei wie, solange es nur eine distinkte Arbeiterpartei ist. Und dieser Schritt ist geschehn, viel rascher als wir erwarten durften, und das ist die Hauptsache. Daß das erste Programm dieser Partei noch konfus und äußerst mangelhaft, daß sie den H.George als Fahne aufgesteckt, das sind unvermeidliche Übelstände, aber auch nur vorübergehende. Die Massen müssen Zeit und Gelegenheit haben, sich zu entwickeln, und die Gelegenheit haben sie erst, sobald sie eine eigne Bewegung haben – einerlei in welcher Form, sobald es nur ihre eigne Bewegung ist –, in der sie durch ihre eignen Fehler weitergetrieben werden, durch Schaden klug werden. Die Bewegung steht in Amerika da, wo sie bei uns vor 48 stand, die wirklich intelligenten Leute dort werden zunächst die Rolle zu spielen haben, wie der Kommunistenbund vor 48 unter den Arbeitervereinen. Nur daß es jetzt in Amerika unendlich schneller gehn wird; daß nach kaum achtmonatlicher Existenz der Bewegung solche Wahlerfolge erzielt worden, ist ganz was Unerhörtes. Und was noch fehlt, das werden die Bourgeois ins Werk setzen, nirgendwo in der ganzen Welt treten sie so unverschämt und tyrannisch auf wie dort, und Eure Richter schlagen die Bismarckschen Reichsrabulisten glänzend aus dem Feld. Wo der Kampf von den Bourgeois mit solchen Mitteln geführt wird, da kommt er rasch zur Entscheidung, und wenn wir uns in Europa nicht beeilen, kommen uns die Amerikaner bald vor. Aber grade jetzt wäre es doppelt nötig, daß auf unsrer Seite ein paar Leute da wären, die in der Theorie und altbewährten Taktik fest im Sattel sind und auch englisch sprechen und schreiben können, denn die Amerikaner sind aus guten historischen Gründen in allen theoretischen Dingen himmelweit zurück, haben zwar keine mittelalterlichen Institutionen aus Europa herübergenommen, wohl aber Massen mittelalterlicher Tradition, Religion, englisches gemeines (feudales) Recht, Aberglauben, Spiritismus, kurz allen Blödsinn, der dem Geschäft nicht direkt schädlich war und jetzt zur Massenverdummung sehr brauchbar ist. Und wenn da theoretisch klare Köpfe vorhanden sind, die ihnen die Folgen ihrer eignen Fehler vorhersagen können, ihnen klarmachen, wie jede Bewegung, die nicht die Vernichtung des Lohnsystems als letztes Ziel stets im Auge behält, irregehn und fehlschlagen muß – da kann mancher Unsinn vermieden und der Prozeß wesentlich abgekürzt werden. Aber es muß englisch geschehn, der deutsche Sondercharakter muß abgestreift werden, und die Herren vom „Sozialist“ haben schwerlich das Zeug dazu, die von der „Volkszeitung“2 sind auch nur im Geschäft gescheiter.

Die Wirkung der amerikanischen Novemberwahlen in Europa war ungeheuer. Daß England und besonders Amerika bisher keine Arbeiterbewegung hatten, war der große Trumpf der radikalen Republikaner überall, namentlich in Frankreich. Jetzt sind die Herren total aufs Maul geschlagen, am 2.Nov. ist speziell dem Herrn Clemenceau die ganze Basis seiner Politik zusammengebrochen: seht auf Amerika, war sein ewiges Sprüchlein; wo eine wirkliche Republik herrscht, da ist kein Elend und keine Arbeiterbewegung! Und ebenso geht's den Fortschrittlern und „Demokraten“ in Deutschland und hier –, wo sie eben auch ihre eigne anfangende Bewegung erleben. Grade daß die Bewegung als Arbeiterbewegung so scharf akzentuiert und so plötzlich und gewaltsam emporgesprungen, das hat die Leute vollständig betäubt.

Hier hat einerseits der Mangel an aller Konkurrenz, andrerseits die Dummheit der Regierung den Herren von der Social Democratic Federation erlaubt, eine Stellung einzunehmen, die sie sich vor 3 Monaten noch nicht zu träumen wagten. Der Lärm, der von dem – nie ernstgemeinten – Plan einer Prozession hinter dem Lordmayorszug am 9.Nov. gemacht worden, und nachher derselbe Lärm wegen des Trafalgar-Square-Meetings vom 21.Nov., wo von Aufstellung von Artillerie die Rede war und die Regierung am Ende doch den Schwanz zwischen die Beine nahm – alles das zwang die Herren der Social Democratic Federation, am 21. endlich einmal ein ganz gewöhnliches Meeting zu halten, ohne hohle Rodomontaden und scheinrevolutionäre Demonstrationen mit obligater Pöbelbegleitung – und die Philister bekamen jetzt plötzlich Respekt vor den Leuten, die so viel Staub aufgewirbelt und sich doch so honett benommen hatten. Und da außer der Social Democratic Federation sich niemand um die Unemployed3 kümmert, die jeden Winter während der chronischen Geschäftsstagnation eine stärkere Masse bilden und ein sehr akutes Elend durchmachen, hat die Social Democratic Federation gewonnen Spiel. Die Arbeiterbewegung beginnt jetzt hier and no mistake4, und wenn die Social Democratic Federation die Ernte zunächst einheimst, ist das die Folge der Feigheit der Radikalen und der Dummheit der Socialist League, die sich mit den Anarchisten katzbalgt und sie doch nicht loswerden kann und deshalb keine Zeit hat, sich um die lebendige Bewegung zu kümmern, die draußen vor ihrer Nase vorgeht. Wie lange übrigens Hyndman & Co. ihre jetzige relativ rationelle Handlungsweise beibehalten, ist fraglich. Ich erwarte, daß sie bald doch wieder kolossale Dummheiten machen, sie haben's zu eilig. Und dann werden sie merken, daß das in einer ernstlichen Bewegung nicht so hingeht.

In Deutschland wird's immer schöner. In Leipzig wegen „Aufruhr“ auf Zuchthaus bis zu 4 Jahren erkannt! Es soll mit aller Gewalt ein Krawall provoziert werden.

Jetzt hab' ich noch 7 kleinere Arbeiten im Pult – italienische, französische Übersetzungen, Vorreden, Neuauflagen etc.5 –, und dann geht's unaufhaltsam an Band III6.

Dein alter
F. E.