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Engels an August Bebel
in Plauen bei Dresden

London, 23. Okt. 1886
Samstag

Lieber Bebel,

Soeben, abends 1/2 10, erhalte ich den „S[ozialdemokrat]“ mit Eurer Erklärung und schreibe Dir gleich, obgleich der Brief erst Montag 5.30 abgehn kann, wenn ich ihn einschreiben lasse. Aber Montag habe ich vielleicht wieder einen Haufen Korrekturbogen1, die rasch besorgt werden müssen.

Eure Erklärung ist so abgefaßt, daß absolut nichts daran ausgesetzt werden kann – die Notwendigkeit dieses Schrittes einmal zugegeben. Über letztere kann ich nicht unbedingt urteilen, aber auch ohne Freytags Ansicht scheint sie mir erwiesen. Für die Sache überhaupt und für das Blatt selbst halte ich es für ein wahres Glück, daß Ihr den Schritt infolge des Urteils mit Anstand tun konntet. Es war meiner Ansicht nach ein großer Fehler, dem Blatt überhaupt einen offiziellen Charakter zu geben, wie sich das auch im Reichstag gezeigt hat; aber einmal gemacht, war er schwer aufzuheben, ohne daß es als Desavouierung des Blatts und als Rückzug aussah. Das Urteil gab Euch die Gelegenheit, ihn aufzuheben, ohne diesen Schein zu erzeugen, und das habt Ihr mit Recht benutzt. Von Rückzug, wie Lieb-k[necht] die Sache ansah, ist da keine Rede, und das Blatt kann jetzt die Ansicht der Parteimassen weit freier aussprechen und mit weit weniger Bedenken wegen der Herren vom rechten Flügel.

Die „N[eue] Zeit“ ist noch nicht hier. Daß Bismarck sich weit tiefer mit den Russen eingelassen, als er wegen Frankreich braucht, ist auch meine Ansicht, und zwar ist der Hauptgrund dafür – außer den von Dir angegebenen und sie entschieden beherrschend – der, daß die Russen ihm gesagt, und daß er weiß, daß es wahr ist: „Wir brauchen entweder entschieden große Erfolge in der Richtung auf Konstantinopel, oder aber – wir bekommen Revolution.“ Alex[ander] III. und selbst die russische Diplomatie können nicht den heraufbeschwornen panslawistischen und chauvinistischen Geist beschwören ohne Opfer, sonst wird Alex[ander] III. von den Generalen abgemurkst, und dann gibt's Nationalversammlung, sie mögen wollen oder nicht. Und eine russische Revolution fürchtet Bismarck mehr als alles. Mit dem russischen Zarismus fällt auch die preußisch-bismarcksche Wirtschaft. Und deshalb muß alles geschehn, den Krach aufzuhalten, trotz Östreich, trotz der Bürgerentrüstung in Deutschland, trotzdem daß B[ismarck] weiß, daß er auch so sein System schließlich untergräbt, das ja auf der deutschen Hegemonie über Europa beruht; und daß am Tag, wo der alte Wilhelm stirbt, Rußland wie Frankreich noch ganz anders die Zähne zeigen werden.

Das schlimmste ist, daß bei der Schuftigkeit der herrschenden Personen beim Krieg niemand sagen kann, wie die Kämpfer sich gruppieren, wer mit wem und wer gegen wen geht. Daß dabei schließlich die Revolution herauskommt, ist klar, aber mit welchen Opfern! mit welcher allgemeinen Abspannung – und nach welchen vielen Wendungen!

Inzwischen haben wir Zeit bis zum Frühjahr, und da kann noch manches passieren. Es kann auch so in Rußland losgehn, der alte Wilhelm kann abfahren und eine andre Politik in Deutschland aufkommen – die Türken (die jetzt, nachdem Östreich ihnen Bosnien und England Ägypten weggenommen, in diesen ihren alten Bundesgenossen natürlich reine Verräter sehn) können aus dem russischen Fahrwasser wieder hinauskommen usw.

Von der deutschen Bourgeoisie kannst Du keine schlechtere Ansicht haben als ich. Aber es fragt sich nur, ob sie nicht wider Willen gezwungen wird, durch die geschichtlichen Umstände wieder aktiv einzugreifen, grade wie die französische. Diese macht es auch miserabel genug, die unsre würde sie darin noch übertreffen, aber sie müßte dennoch wieder mit ihrer eignen Geschichte arbeiten. Den Bergerschen Ausspruch las ich auch seinerzeit mit Vergnügen, aber er gilt in der Tat nur für Bismarcks Lebezeiten. Daß sie vorhaben, ihre eigenen „liberalen“ Phrasen ganz fallenzulassen, das bezweifle ich keinen Augenblick. Es fragt sich nur, ob sie's können, wenn einmal kein Bismarck mehr da ist, der für sie regiert, und wenn ihnen nur noch versimpelte Krautjunker und vernagelte Bürokraten – Menschen ihres eignen moralischen Kalibers – gegenüberstehn. Denn Krieg oder Frieden, seit den letzten Monaten ist die deutsche Hegemonie kaputt, und man ist wieder der gehorsame Diener Rußlands. Und nur diese chauvinistische Satisfaktion, der Schiedsrichter Europas zu sein, hielt den ganzen Kram zusammen. Die Furcht vor dem Proletariat tut sicher das ihrige. Und wenn die Herren zur Regierung zugelassen werden, so treten sie anfangs sicher ganz so auf, wie Du es beschreibst, aber sie werden bald gezwungen sein, anders zu sprechen. Ich gehe noch weiter: selbst wenn, nachdem der Bann durch den Tod des Alten gebrochen, dieselben Leute am Ruder blieben wie jetzt, sie würden entweder zum Abtreten gezwungen durch neue – nicht zur hofmäßige – Kollisionen, oder aber im Bourgeoissinn handeln müssen. Natürlich nicht gleich, aber lange würde es nicht dauern. Eine Stagnation, wie sie jetzt im politischen Deutschland herrscht – das echte Zweite Kaiserreich –, kann nur ein vorübergehender Ausnahmezustand sein; die große Industrie läßt sich ihre Gesetze nicht von der Feigheit der Industriellen diktieren, die ökonomische Entwicklung bringt die Kollisionen immer wieder hervor, treibt sie auf die Spitze und leidet nicht, daß die halbfeudalen Junker mit feudalen Gelüsten über sie auf die Dauer herrschen. Übrigens ist auch möglich, daß im Frühjahr sie alle zum Krieg rüsten, bis an die Zähne bewaffnet einander gegenüberstehn und jeder Angst hat anzufangen – bis dann einer einen Lösungsplan mit gegenseitigen Kompromissen und Verschluckung der Kleinstaaten vorbringt und sie alle zugreifen. Daß Bismarck schon jetzt an einem solchen Rettungsmittel arbeitet, ist wahrscheinlich genug.

25. Okt.

Was Du von L[iebk]necht]s Reden sagst, bezieht sich wohl meistens auf seine Äußerungen zum Korrespondenten der „N[ew] Y[orker] Volksztg.“ (dem kleinen Cuno); die kann man nicht so genau nehmen, die Interviewer stellen alles verdreht dar. Was er sonst über den Kulturkampf sagte, erschien auch mir ganz verkehrt, aber Du weißt, L[iebk]necht] hängt sehr von Stimmungen ab, spekuliert gern auf sein Publikum (und nicht immer richtig) und hat immer nur zwei Farben, schwarz und weiß, auf seiner Palette. Im übrigen wird das wenig Schaden tun, das ist in Amerika schon längst der Vergessenheit verfallen.

Also leb wohl, halt Dich gesund und laß mal aus der Gefangenschaft von Dir hören. Ich glaub' schwerlich, daß Du die ganze Zeit wirst absitzen müssen, in 9 Monaten kann sich alles ändern.

Dein
F. E.