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Engels an Laura Lafargue
in Paris

London, 23. Okt. 1886

Meine liebe Laura,

Heute habe ich so etwas wie einen Feiertag, d. h. keine Korrekturbogen1, und die Vorworte sind so gut wie fertig. So nutze ich dies aus, um Dir zu schreiben. Korrekturen sind jetzt bis Bogen 40 oder S. 644 der 3. deutschen Aufl. gemacht. Doch nun ist erneut eine Verzögerung eingetreten, sonst säße ich heute wieder über ihnen. Es ist eine schreckliche Arbeit, jeden Bogen 3× durchsehen, und im Text sind eine ganze Menge Änderungen erforderlich; der letzte Teil des Ms. war alles andere als ausgefeilt2, als wir ihn dem Drucker einhändigen mußten. Beim Ausfeilen des Textes ist mir Sam Moore eine unbezahlbare Hilfe, er hat ein scharfes Auge für diese Dinge und eine sehr gewandte Hand. Aber ich werde froh sein, wenn ich diese Arbeit hinter mir habe, bis dahin kann ich nichts anderes in Angriff nehmen, und in meinem Pult warten noch etwa 5 Arbeiten.

Ich hoffe bestimmt, daß Du Deine Reise nicht wieder auf einen anderen Zeitpunkt verschiebst, der meteorologisch zwar weniger neblig sein mag, uns beide jedoch in einem Nebel neuer Ungewißheit läßt. Schorl[emmer] ist hier ganz zerschlagen angekommen, er hatte zu Hause eine Woche lang wegen Verdauungsstörungen liegen müssen (ich vermute, er hat das Vaterland3 nicht verdauen können) und war hier die ganze Zeit in entsetzlich niedergeschlagener Stimmung – seitdem habe ich kein Wort von ihm gehört.

Ich sende Dir hiermit zwei weitere Briefe von unseren Überseereisenden, bitte bewahre sie alle für mich auf, bis Du herüberkommst, wenn Du sie mir nicht vorher zurückschickst. Gestern waren sie in Providence (Rhode Island) und sind jetzt auf dem Wege von New England zu den großen Seen, werden aber morgen auf halbem Wege in Albany und Troy (Staat New York) am Hudson haltmachen. In den Industriedistrikten New Englands empfing sie die Presse beinahe herzlich und bewies dadurch nicht nur, wie abhängig sie von den Arbeitern ist, sondern auch ein augenscheinliches Sympathisieren der Arbeiter mit dem Sozialismus. Ich freue mich sehr darüber und auch über den günstigen Eindruck, den sie auf die bürgerliche Presse allgemein gemacht haben, ganz besonders auch wegen ihres bevorstehenden Eintreffens in Chicago, wo die Bourgeois noch vor sechs Wochen geneigt schienen, bei ihrer Ankunft Polizeikordons aufziehen zu lassen. Aber angesichts des entschiedenen Umschwungs der öffentlichen Meinung werden sie in den östlichen Staaten wohl kaum etwas Derartiges versuchen.

Die Wiener Anarchisten-Verschwörung ist eine reine Polizei-Affäre. Der beste Beweis dafür sind die Brandflaschen, die die armen Teufel in Holzlager abgestellt haben sollen, um diese in Brand zu setzen. Eine Flasche mit Salpetersäure, verschlossen mit einem mit Schwefelsäure imprägnierten Baumwollpfropfen. Die Schwefelsäure sollte durchsickern und, wenn sie die Salpetersäure erreicht hätte, eine Explosion und Feuer verursachen!! Auf diese Weise traf dieselbe Polizei, welche die anarchistischen Esel zu diesem Komplott aufstachelte, verteufelt gut Vorsorge, daß die Brandflaschen völlig harmlos waren. Aber die gegenwärtige antiproletarische Jurisprudenz wird dort wie überall Mittel finden, um sie der Brandstiftung zu überführen.

Gestern erhielt ich eine Karte aus einem unbekannten Ort in Kanada „Rolandrie, P.O. Whitewood“: „Verehelicht: Dr. R. Meyer, Mathilde Meyer, geb. Trautow“4. Das muß eine seiner Cousinen sein, die er im vergangenen Winter zur Verwaltung seiner Farm dort zurückließ. Auf der Rückseite standen einige Worte in Französisch von einem Comte Ives de Rossignac oder Prossignac, daß Meyer einen Unfall gehabt hätte, kurze Zeit seine rechte Hand nicht gebrauchen und daher auch nicht selber schreiben könnte. Das ist das Ende noch eines Deiner Verehrer. Wenn die Trauben sauer sind, greifen die Leute nach Holzäpfeln.

Über den erfolgreichen Verlauf des Kongresses in Lyon las ich im „Cri“, trotzdem waren mir Pauls Kommentare und Einzelheiten sehr willkommen. Die Dinge scheinen überall reif für uns, und wir haben nur die Früchte zu ernten; alle altmodischen Formen des Sozialismus sind überlebt, unserer Theorie aber kann man nichts anhaben; die Arbeiter müssen nur angestoßen werden – und wenn sie – ganz gleich auf welche Weise – in Bewegung kommen, so kommen sie sicher zu uns.

Alles in allem geht es in Frankreich prächtig vorwärts. Vierzon setzt Decazeville fort, und das ist richtig so. Man muß die Regierung lehren, ihre eigenen Gesetze zu respektieren und sich an Streiks zu gewöhnen.

Andererseits aber ist die Streikdisziplin den französischen Arbeitern sehr nützlich; die erste Bedingung für den Erfolg eines solchen Kampfes ist die genaue Beachtung der Legalität, und alle revolutionäre Prahlerei und Leidenschaftsausbrüche führen unvermeidlich zur Niederlage. Diese Disziplin, das ist die erste Bedingung für eine erfolgreiche und feste Organisation, sie ist das, was die Bourgeoisie am meisten fürchtet. Und da der Streik eine Kabinettskrise hervorgerufen hat, kann er noch mehr hervorrufen. Wie die Dinge liegen, sieht es aus, als ob die jetzige Kammer bald unmöglich wird und aufgelöst werden muß. Ich glaube, daß es nötig sein wird, sich auf dieses Ereignis vorzubereiten, denn bei den nächsten allgemeinen Wahlen müßte es den Sozialisten gelingen, die Radikalen zu zwingen, mindestens 20 von unseren Leuten auf die Liste für Paris zu setzen; und die nächste Kammer müßte das scrutin de liste abschaffen. Paul müßte nächstes Mal ins Parlament kommen, er hat sich sehr zugunsten von Guesde, Deville und anderen zurückgehalten, hat die schwere anonyme Arbeit sich aufgeladen und den anderen nicht nur die ganze Belohnung überlassen, sondern auch den größeren Teil des von ihm errungenen Vertrauens. Ich denke, es wird allmählich Zeit, daß er sich etwas mehr behauptet. Er ist entschieden der beste Journalist von ihnen – und jetzt, da er nun einmal die ihm zusagende Tätigkeit gefunden hat und ihr treu bleibt – auch der fleißigste. Außerdem ist er viel mehr als die übrigen in ständigem Kontakt mit der internationalen Bewegung. Nächstes Mal sollten er und Guesde mindestens hineinkommen, und man muß schon jetzt darauf hinarbeiten. Guesde mag als Redner glänzender sein, aber Paul wäre viel besser, indem er Fakten vorbringt.

Allerdings können wir nächstes Frühjahr einen europäischen Krieg haben, der alle unsere Berechnungen über den Haufen wirft, da man seine Ergebnisse nicht voraussagen kann. Hierüber werde ich Paul schreiben5, sobald ich Zeit finde. Jetzt muß ich aber schließen; es bleibt gerade noch genug Zeit, um Tussy mit der heutigen Post einige Worte zu senden.

Nim ist sehr vergnügt und läßt grüßen.

In Zuneigung Dein
F. E.

Liebk[necht]s Wein-Revolution ist nicht sehr arg, wenn man erwägt, daß er den schrecklichsten Wein „famos“ findet.

Aus dem Englischen.