279
Engels an August Bebel
in Borsdorf bei Leipzig

London, 13. Sept. 1886

Lieber Bebel,

Was mich bei der ganzen bulgarischen und orientalischen Geschichte wundert, ist, daß die Russen erst jetzt dahintergekommen sind, daß sie, wie Marx schon 1870 der Internationalen mitteilte, durch die Annexion von Elsaß etc. zum Schiedsrichter Europas geworden.1 Die einzig mögliche Erklärung liegt darin, daß seit dem Krieg das preußische Landwehrsystem überall (in Rußland 1874) neu eingeführt worden, und dies 10–12 Jahre braucht, um eine entsprechend starke Armee zu züchten. Diese ist jetzt auch in Rußland und Frankreich vorhanden, also kann’s jetzt losgehn. Und eben deshalb drückt die russische Armee, die den Kern des Panslawismus stellt, auch jetzt so heftig auf die Regierung, daß der Zar2 seine Abneigung gegen die französische Republik überwinden und entweder Allianz mit ihr oder Einwilligung Bismarcks in die russische Orientpolitik als die beiden einzig möglichen Fälle hinstellen muß. Für Bismarck und Wilhelm3 war die Alternative die: entweder Widerstand gegen Rußland, und dann die Aussicht auf russisch-französische Allianz und Weltkrieg, oder Gewißheit einer russischen Revolution durch Allianz von Panslawisten und Nihilisten; oder aber Nachgeben gegen Rußland, d.h. Verrat an Östreich. Daß Bismarck und Wilhelm nicht anders handeln konnten, als sie gehandelt haben – scheint mir von ihrem Standpunkt aus klar, und der große Fortschritt ist eben der, daß die Unverträglichkeit der Hohenzollerschen Interessen mit denen Deutschlands jetzt klar und überwältigend zutage tritt. Das Deutsche Reich wird in Lebensgefahr gebracht durch seine preußische Grundlage.

Vorderhand wird die Geschichte wohl noch über den Winter hinüber überkleistert werden, aber den Panslawisten kommt der Appetit mit dem Essen, und eine so günstige Gelegenheit wie jetzt kommt ihnen nie wieder.

Gelingt es den Russen, Bulgarien zu besetzen, dann gehn sie auch auf Konstantinopel los, falls nicht überwiegende Hindernisse – etwa eine deutsch-österreichisch-englische Allianz – Halt gebieten. Daher Bismarcks Notschrei nach aktiver antirussischer Politik Englands, den er jetzt im „Standard“ fast täglich erschallen läßt, damit England den Weltkrieg verhüte.

Jedenfalls spitzt sich der Gegensatz Östreichs und Rußlands auf der Balkanhalbinsel so sehr zu, daß ein Krieg wahrscheinlicher wird als Erhaltung des Friedens. Und da hört das Lokalisieren des Kriegs auf. Was aber dabei herauskommt – wer Sieger bleibt, ist nicht zu sagen. Die deutsche Armee ist unbedingt die beste und bestgeführte, aber nur eine unter vielen. Die Östreicher sind unberechenbar, auch militärisch, sowohl der Zahl wie besonders der Führung nach, und haben immer verstanden, die besten Soldaten schlagen zu lassen. Die Russen täuschen sich wie immer über ihre auf dem Papier kolossalen Kräfte, sind in der Offensive äußerst schwach, in der Verteidigung des eignen Landes stark. Ihr schwächster Punkt ist außer der Oberleitung der Mangel an brauchbaren Offizieren für die enormen Massen, das Land erzeugt diese Zahl von gebildeten Leuten nicht. Die Türken sind die besten Soldaten, aber die Oberleitung ist immer miserabel, wo nicht verkauft. Die Franzosen endlich haben – da sie zu sehr politisch entwickelt sind, um eine Einrichtung wie die Einjährig-Freiwilligen ertragen zu können, und da der französische Bourgeois absolut unkriegerisch ist (persönlich) – auch Mangel an Offizieren. Bei allen außer den Deutschen endlich ist die neue Organisation noch nie auf die Probe gestellt. Diese Größen sind also – der Zahl wie der Qualität nach – sehr schwer zu berechnen. Von den Italienern ist sicher, daß sie bei gleicher Zahl von jeder andern Armee geschlagen werden. Wie aber sich diese verschiednen Größen im Weltkrieg zu- resp. gegeneinander gruppieren werden, ist ebenfalls unberechenbar. Das Gewicht Englands – sowohl seiner Flotte wie seiner enormen Hilfsquellen, wird wachsen mit der Dauer des Kriegs, und wenn es seine Soldaten anfangs zurückhält, so kann schließlich ein englisches Korps von 60 000 Mann den Ausschlag geben.

Alles das setzt voraus, daß im Innern der verschiednen Länder nichts geschieht. Nun kann aber in Frankreich ein Krieg die revolutionären Elemente ans Ruder bringen, in Deutschland eine Niederlage oder der Tod des Alten3 einen heftigen Systemwechsel hervorrufen; das kann wieder andre Gruppierungen der Kriegführenden geben. Kurz, es gibt ein Chaos mit nur einem sichern Resultat: Massenmetzelei auf bisher unerhörter Stufe, Erschöpfung von ganz Europa in bisher unerhörtem Grad, schließlich Zusammenbruch des ganzen alten Systems.

Ein direkter Erfolg für uns könnte nur durch eine Revolution in Frankreich herauskommen, die den Franzosen die Rolle der Befreier des europäischen Proletariats gäbe. Ich weiß nicht, ob dies das für letzteres günstigste wäre, es würde den idealen französischen Chauvinismus bis aufs Maßlose steigern. Ein Umschwung in Deutschland nach einer Niederlage würde nur helfen, wenn er zum Frieden mit Frankreich führte. Am günstigsten wäre eine russische Revolution, die aber nur nach sehr schweren Niederlagen der russischen Armee zu erwarten.

Soviel ist sicher, der Krieg würde unsre Bewegung zunächst in ganz Europa zurückdrängen, in vielen Ländern total sprengen, den Chauvinismus und Nationalhaß schüren und uns sicher unter den vielen unsichern Möglichkeiten nur das bieten, daß nach dem Krieg wir wieder von vorn anzufangen hätten, aber auf einem unendlich günstigeren Boden als selbst heute.

Ob’s aber Krieg gibt oder nicht, soviel ist gewonnen, daß der deutsche Philister aus seinem Dusel aufgeschreckt ist und endlich wieder gezwungen wird, aktiv in die Politik einzugreifen. Da zwischen der sozialistischen Republik, die unsre erste Stufe sein wird, und dem heutigen preußischen Bonapartismus auf halbfeudaler Grundlage noch viele Mittelstufen durchzuzagen sind, kann es uns nur dienen, daß der deutsche Bürger endlich einmal wieder gezwungen wird, politisch seine Schuldigkeit zu tun und dem jetzigen System Opposition zu machen, damit es doch wieder in etwas vorangeht. Und deswegen bin ich ungeheuer begierig auf die neue Reichstagssession. Da ich kein deutsches Blatt augenblicklich beziehe, würdest Du mir einen großen Gefallen tun durch Zusendung deutscher Blätter, von Zeit zu Zeit, mit Berichten über wichtige Sitzungen, namentlich über auswärtige Politik.

Liebk[necht] erzählte auch viel von der Entrüstung in Deutschland über Bismarcks Kniefall vor den Russen. Er war mehrere Tage bei mir in Eastbourne an der See, sehr wohlgemut und wie immer „ging alles famos“; da die Herren vom rechten Flügel keine Stänkereien von Bedeutung mehr machen und haben klein beigeben müssen, so konnte L[iebknecht] auch wieder ganz revolutionär sprechen und sich womöglich als den Allerschiedensten aufspielen wollen. Ich habe ihn hinreichend merken lassen, daß ich über diese Geschichten mehr weiß, als er vielleicht wünscht, und da er ganz in dem rechten Gleise war, so war absolut kein Anlaß, anders als äußerst herzlich zu verkehren. Was er Dir über das zwischen ihm und mir Besprochene geschrieben, weiß ich nicht und bin also auch nicht dafür verantwortlich.

14. Sept. Wieder unterbrochen, muß ich machen, daß ich bis zur Abendpost fertig werde, damit Du den Brief Donnerstag morgen spätestens erhältst. Auch der ungarische Landtag tritt dieser Tage zusammen, da wird’s an Verhandlungen über den Bulgarenkram nicht fehlen. Das günstigste für uns wäre ein friedliches oder kriegerisches Zurückdrängen Rußlands, dann wäre die Revolution dort fertig. Die Panslawisten würden dabei mitmachen, aber am nächsten Morgen über den Löffel barbieret sein. Es war dies ein Punkt, über den Marx sich immer mit der größten Sicherheit aussprach –, und ich kenne niemand, der Rußland so gut verstand wie er, nach innen wie nach außen: daß, sowie in Rußland das alte System gebrochen, einerlei durch wen, und eine Repräsentativversammlung zusammen, einerlei welche, es am Ende sei mit der russischen Eroberungspolitik, daß dann die innern Fragen alles beherrschen würden. Und der Rückschlag auf Europa, wenn diese letzte Burg der Reaktion gebrochen, würde enorm sein; wir in Deutschland würden es zuerst merken.

Liebk[necht]s Schiff ist gestern morgen 3 Uhr in New York angekommen, Avelings ihres schon einige Tage früher. Wenn es dort so heiß ist wie hier – ich habe 4 Uhr nachm. 25 Grad Celsius im Zimmer –, so wird ihnen das Paukenhalten einigen Schweiß kosten.

In Frankreich wird gut fortgearbeitet. Das in Decazeville erprobte Agitationsschema wird jetzt in Vierzon bei dem dortigen Strike wiederholt. Vaillant, der dort zu Hause, tritt dort in den Vordergrund. In Paris arbeiten die Radikalen für uns wie Bismarck in Deutschland. Sie sitzen tief in der Sauce mit Börsenschwindel-Gesellschaften, und Clemenceau, der selbst das nicht nötig hat, hat sich doch zu tief eingelassen mit dieser Sorte, als daß er sich ganz davon zurückhalten könnte. So wird der Riß zwischen ihm und den bisher radikalen Arbeitern immer tiefer, und was er verliert, gewinnen wir. Unsre Leute benehmen sich mit großem Geschick, ich bin erstaunt über die Disziplin, die die Franzosen an den Tag legen. Grade das fehlte ihnen, und das lernen sie jetzt, aber auf dem Hintergrund einer durchaus revolutionären Überlieferung, die sich dort von selbst versteht und von all den spießbürgerlichen Bedenken nichts weiß, in denen unsre Geisers und Vierecks festsitzen. Selbst mit der Listenabstimmung werden wir das nächste Mal bedeutende Erfolge in Frankreich haben. Und eben weil alles so brillant geht, dort wie in Deutschland, und ein paar Jahre ungestörter innerer Entwicklung mit Hülfe der dabei unvermeidlichen Ereignisse uns so enorm voranhelfen müssen, eben deshalb kann ich einen Weltkrieg nicht grade wünschen – aber was fragt die Geschichte danach? Sie geht ihren Gang, und wir müssen sie nehmen, wie sie kommt.

Eins könnt Ihr von den Franzosen lernen. Seit 50 Jahren gilt dort die Regel bei allen Revolutionären, daß der Angeklagte dem Untersuchungsrichter alle und jede Auskunft verweigert. Jener hat das Recht zu fragen, der Angeklagte das Recht, nicht zu antworten, sich und seine Genossen nicht selbst zu inkriminieren. Das – einmal allgemein angenommen, so sehr, daß jede Abweichung als halber Verrat gilt – ist von enormem Vorteil in allen Prozessen. Was man dann bei der öffentlichen Verhandlung sagen will, steht immer frei. Aber in der Voruntersuchung werden alle Protokolle so abgefaßt, daß sie die Aussagen des Angeklagten fälschen und man ihn durch allerlei Manöver zur Unterschrift breitschlägt. Überlegt Euch das einmal.

Dein
F. E.