4, Cavendish Place
Eastbourne, 14./8./86
Lieber Ede,
Vor 14 Tagen schickte ich Dir einen „Standard“ mit bulgarischer Korrespondenz über die russischen Intrigen im Balkan, die sehr wichtig war. Inzwischen spitzt sich die Sache mehr und mehr zu, der Alexander III. hat auf seine vielen Schlappen einen Erfolg nötig, und da kann es bei den Kreuz- und Querintrigen passieren, daß den Herren die Sache über den Kopf wächst und der Krieg ausbricht. In dieser Beziehung wollte ich Dir die Nachricht mitteilen, die der „Daily News“-Korrespondent in Petersburg und positiv gegen alle Dementis aufrechthält, daß vom 18. ds. bis Ende des Monats bei Wilna, also nah an der preußischen Grenze, sechs russische Armeekorps gegen sechs andre ditto manövrieren werden; also eine Zusammenziehung von 12 Armeekorps (die ganze deutsche Armee hat deren nur 18), sehr schwach gerechnet 240 000 Mann. Daß die enormen Geldkosten nicht aus bloßer Renommage zum Fenster hinausgeworfen werden, ist sicher. Auch hat Alexander III. sich die Anwesenheit aller fremden Offiziere verboten, selbst die des Preußen Werder. Während diese 240 000 Mann an der Grenze konzentriert stehn, kommt Herr Giers nach Deutschland, um mit Bismarck zu unterhandeln. Das Manöver ist sehr gewagt, besonders dem alten Wilhelm gegenüber, der hier grade an seiner empfindlichsten Seite gefaßt wird. Es kann also schief gehn und Krieg geben. Es kann ebensogut im stillen abgemacht werden, da Giers sicher solche tolle Streiche nicht willig mitmacht. Aber ich habe es für besser gehalten, Dich auf diese kuriose Geschichte aufmerksam zu machen.
Sage Schl[üter], sobald ich nach London zurückkomme, wird seine Arbeit vorgenommen. Möglicherweise sehe ich den alten Harney vorher noch, und da kann ich über manches Auskunft erhalten, was ihm wissenswert ist.
Besten Gruß. Am 28. cr. in London zurück.
Dein
F. E.