260
Engels an Johann Philipp Becker
in Genf

London, 9. Juli 1886

Lieber alter Kamerad,

Ich habe die Antwort auf Deinen Brief ein paar Tage aufgeschoben, weil ich erst abwarten mußte, ob sich eine Möglichkeit finden ließ, auf Deinen Pariser Plan einzugehn. Leider nein – und zwar

1. bin ich an England gebunden, weil ich die Korrektur und Herausgabe der englischen Übersetzung des „Kapital“1 besorgen muß, die in der Presse ist und die ich keinem andern überlassen könnte, auch wenn ich nicht kontraktlich gebunden wäre;

2. aber bin ich wieder seit 3 Monaten invalid, kann nicht über 2 bis 300 Schritt gehn und hänge von allerhand medizinischen Leuten ab; die Sache ist weiter nichts als genant, aber es kann doch jeden Augenblick eine Verwicklung eintreten, wenn ich mich nicht ruhig halte, und von langen Reisen ist da keine Rede. Und wenn ich auch, wie ich hoffe, bis zum Herbst wieder mobiler werde, so muß ich denn doch diesmal dieser alten Geschichte, die mich nunmehr drei Jahre ab und zu zum Krüppel gemacht hat, soweit es angeht, ein Ende machen, und dazu gehört, daß ich nichts unternehme, was mich wieder zurückwerfen könnte. Ich muß platterdings wieder soweit kommen, daß ich 2–3 Stunden weit an einem Stück marschieren kann, sonst geh’ ich kaputt und kann das Arbeiten nicht auf die Dauer aushalten. Ich hatte geglaubt, in den letzten 14 Tagen so weit zu kommen, daß ich eine positive Besserung konstatieren könnte, aber es geht langsamer, als ich dachte.

Nun aber läßt sich die Sache hoffentlich anders einrichten. Nämlich wenn Du erst in Paris bist, so könntest Du auch ein wenig übers Wasser hierher kommen. Die Kosten dafür trage ich gern, und hier kostet Dich der Aufenthalt keinen Heller. Den August werde ich an die See geschickt, um mich auszukurieren, im September bekomme ich Besuch aus der Provinz, aus Deutschland und wahrscheinlich auch Lafargues aus Paris, und da ich nur ein Zimmer frei habe, werde ich wegen Unterbringung der Leute Mühe genug haben. Aber im Oktober ist das vorbei, und ich kann Dir das Zimmer jederzeit zur Verfügung halten und würde mich unendlich freuen, Dich bei mir zu sehn. Da haben wir auch mehr Ruhe, alles zu besprechen und zu erzählen als in Paris, wo man doch nie allein ist.

Also fasse Deinen Entschluß. Bis Oktober bin ich auch mit den dringenden Arbeiten so weit fertig, daß ich alles andre auf die lange Bank schieben kann, und auch hoffentlich wieder so weit, daß ich wieder kneipen darf. Wenn Du übrigens lieber im September kommst, so schreib mir’s, es wird sich dann doch wohl so oder so einrichten lassen. Wir haben noch allerlei miteinander zu verhandeln, und Du kannst mir ganz speziell noch so manches aus der Entwicklungsgeschichte der Bewegung mitteilen, was, wie Du sagst, niemand sonst weiß, daß es wahrhaftig ein Unrecht wäre, wenn wir nicht alles täten, um noch einmal zusammenzukommen und das alles zu erledigen.

Die Papiere von Marx habe ich noch gar nicht ordnen können, das ist eine Arbeit von mindestens einem Monat. Vielleicht geht’s im Herbst – geschehn muß es, und das eh die Tage zu kurz werden.

Ich lasse Dir wieder eine fünfpfündige Postanweisung herausnehmen, die Du hoffentlich gleich nach oder mit diesem Brief erhältst.

Also entschließ Dich. Ich freue mich ungeheuer darauf, Dich wieder einmal zu sehn und mit Dir von Angesicht zu Angesicht zu verhandeln. Wäre ich noch so stramm auf den Beinen wie Du, so käme ich nach Genf. Aber so! Nun, ich erwarte, Du tust es für mich und kommst hierher.

Dein alter
F. Engels