London, 23. Mai 1886
Meine liebe Laura,
Heute kann ich Dir positiv mitteilen, daß die Angelegenheit mit der englischen Ausgabe des „Kapitals“1 endlich geregelt ist. Mit K.P[aul] & Co. war es unmöglich, zu einem befriedigenden Ergebnis zu kommen, aber wir konnten uns mit Swan Sonnenschein & Co. einigen. Gestern bin ich mit Edward bei S.S[onnenschein] gewesen, und jetzt muß der Vertrag nur noch formell unterzeichnet werden, und dann geht das Ms. sofort in Druck. S.S[onnenschein] & Co. zahlen uns für die ersten 500 verkauften Exemplare 10% des Bruttopreises und 12½% für alle weiteren Exemplare. Die erste Auflage soll eine Bibliotheksauflage sein, in 2 Bänden zu 32 sh.; der Satz soll sofort stereotypiert werden, aber so, daß bei der 2. Auflage in gewissen Grenzen Änderungen vorgenommen werden können; die zweite Aufl. dann in einem Band, etwa zwischen 7 sh. 6 Pence bis 10 sh., und dieser Plan gefällt uns viel besser als K.P[aul]s, der den Preis bei 28 sh. gehalten und damit das Buch von einer allgemeinen Verbreitung ausgeschlossen hätte.
Da ich 450 Seiten (nach dem deutschen Original) druckfertig habe, und etwa 200 weitere Seiten in 14 Tagen soweit sein könnten, außerdem der ganze Rest im Unreinen fertig ist, sehe ich keinen Grund, warum nicht 5 Bogen pro Woche gedruckt werden und wir nicht mit allem Mitte August fertig sein sollten, so daß das Buch zum 1. Oktober herausgebracht werden kann.
Ich glaube, Paul versteht nicht recht, weshalb man von ihm einen Brief über die Pariser Wahlen für den „Commonweal“ verlangt hat. Die Leute hier wollen die „Justice“ nicht direkt angreifen, und vor allem würde ihre Aussage nicht halb so überzeugend sein wie ein maßgeblicher Bericht aus Paris. Aber das ist nicht so wichtig, da die League völlig durcheinander ist, weil sie die Anarchisten eindringen ließ. Pfingstsonntag soll ihre Delegiertenkonferenz sein, und dann werden wir ja sehen, was dabei herauskommt.
Ich kann einfach nicht begreifen, warum Decazeville so plötzlich zusammengebrochen ist, besonders da Paul – wie Napoleon nach dem Brand von Moskau – im kritischen Moment sofort aufhörte, mich mit „Cris du Peuple“ zu versorgen. Ist es für die Pariser Mentalität so gänzlich unmöglich, unerfreuliche Dinge einzugestehen, die nicht zu vermeiden sind? Ein Sieg in Decazeville wäre sehr schön gewesen, aber die Niederlage kann sich mit der Zeit vielleicht für die Bewegung doch als nützlicher erweisen. So glaube ich auch, daß die anarchistischen Dummheiten von Chicago von Nutzen sein werden. Wenn die gegenwärtige amerikanische Bewegung – die, soweit sie nicht ausschließlich deutsch ist, sich immer noch im Trade-Union-Stadium befindet – in der Frage des 8-Stunden-Tages einen großen Sieg errungen hätte, wäre der Trade-Unionismus ein starres und endgültiges Dogma geworden. Ein gemischtes Ergebnis dagegen wird dazu angetan sein, ihnen zu zeigen, daß es nötig ist, über das Problem der „hohen Löhne und des kurzen Arbeitstages“ hinauszugehen.
In Zuneigung Dein
F. Engels
Aus dem Englischen.