London, 12. Mai 1886
Lieber Liebknecht,
Die französischen Blätter (deren ich wenigstens 3 Sendungen geschickt) sollten Dir bloß Gelegenheit geben, einige Nachrichten aus erster Hand über die brillante Entwicklung der Dinge in Frankreich zu lesen. Da Du den „Cri du P[euple]“ hältst, brauche ich Dir also nur den „Intrans[igeant]“ etc. zu schicken. Laf[argue] schickt sie mir ab und zu ein, wenn was vorfällt, und ich dachte, sie so weiter zu verwerten.
Was Clemenceau betrifft, so kann allerdings der Moment bald kommen, wo Du die „Justice“ besser laufenläßt. Einerseits die nahe Aussicht aufs Ministerium, andrerseits aber auch die, namentlich ihm, unerwartet rasche Entwicklung der Arbeiterpartei drängen ihn auf die konservative, prononciert-bürgerliche Seite. Selbst von seinem eignen Standpunkt aus ist sein Auftreten töricht. Aber so geht’s allen Bourgeois, auch den avanciertesten. Longuet wird auch bald wählen müssen, oder er ruiniert sich total. Die Kandidatur Gaulier, von der Presse allein, ohne Zuziehung der Comités radicaux-socialistes aufgestellt, hat den Radikalen 50 000 Stimmen gekostet, die zu uns übergegangen und jetzt die wütendsten gegen ihre Ex-Chefs sind. Wenn nicht kolossale Böcke gemacht werden – keine Schnitzer schadlos zu verdauen, ist die Bewegung schon jetzt stark genug – haben wir bei den nächsten Wahlen in Paris ¼ bis ⅓ der Sitze. Und unsre Leute, jetzt wo es was Wirkliches zu tun gibt, benehmen sich ganz musterhaft.
Ohne Geld aber für die „Justice“ zu schreiben, ist Torheit. Das Blatt kann ganz gut zahlen; die Hauptredakteure – Deputierte – zahlt ja die Nation.
Bebel schrieb mir, seine Stimme versage ihm nach wenig Tagen Anstrengung, und da habe ich ihm allerdings gesagt, daß für eine amerikanische Stumpfreise1 eine bombenfeste Stimme in der Tat erste Bedingung2.
Ob er sich das nicht übertreibt, weiß ich natürlich nicht, aber sehr riskiert wäre es jedenfalls; was die Yankees in der Beziehung für ihr gutes Geld verlangen, wirst Du selbst erst vollauf drüben erfahren. Wenn er nicht geht, mußt Du jedenfalls sorgen, daß Du keinen von der zahmen Kleinbürgersorte mitbekommst.
Die Chicago-Affäre wird wohl das Ende der Anarchistenkomödie in Amerika bedeuten. Schreien läßt man die Leute, soviel sie wollen, aber in Beziehung auf zwecklosen Krawall verstehn die Amerikaner keinen Spaß, seitdem sie ein Industrievolk geworden.
Von der hiesigen sogenannten „Bewegung“ ist nichts Gutes zu melden. Hyndman verschleißt sich täglich mehr, hat alles Vertrauen bei seinen eignen Leuten verloren, und die League kommt mehr und mehr unter die3 Leitung der Anarchisten. Seit die „Commonweal“ wöchentlich geworden – wozu weder Geld noch Kräfte genügend vorhanden – hat Aveling die (unbezahlte) Redaktion an Bax abtreten müssen, und dieser und Morris werden von den Anarchisten stark influenziert. Die Herren müssen das in corpore vili4 durchmachen, sie werden’s schon satt kriegen, es ist aber ein wahres Glück, daß diese Kinderkrankheiten abgemacht werden, noch ehe die Massen in die Bewegung eintreten. Und das zu tun, verweigern sie bis jetzt hartnäckig. Es geht eben wie in Frankreich. Eine ganze große Arbeiterklasse ist nicht durch Predigen in Bewegung zu setzen; aber wenn die Verhältnisse reif sind, so genügt ein kleiner Anstoß, die Lawine ins Rollen zu bringen. Und dieser kommt auch hier, und bald. Sehr wahrscheinlich wird der finanzielle Zusammenbruch der großen Trades Unions unter dem Druck der chronischen Überproduktion den Moment bezeichnen, wo den Engländern die Unzulänglichkeit der „Selbsthilfe“ und des Radikalismus klar wird.
Also Herbst hier!
Dein
F. E.
Frau Pfänder segelt morgen über 8 Tage nach Amerika zu ihrem Schwager in Neu Ulm, Minnesota.