London, 15. Febr. 86
Lieber Bebel,
Dein Brief kommt mir grade recht, ich wollte Dir ohnehin heute eine andre erfreuliche Mitteilung machen – darüber weiter unten.
Also der Krawall vom 8. cr.1
Die Social Democratic Federation, eine trotz aller Reklameberichte äußerst schwache Organisation, die gute Elemente enthält, aber von literarisch-politischen Abenteurern geführt wird, war durch Geniestreiche dieser letzteren bei den Novemberwahlen2 an den Rand der Auflösung gekommen. Hyndman (gesprochen Heindman), der Chef der Gesellschaft, hatte damals Geld von den Tories (Konservativen) genommen und damit in zwei Londoner Bezirken soc. dem. Kandidaten aufgestellt. Da sie in diesen beiden Wahlkreisen nicht einmal eine Mitgliedschaft hatten, war die Blamage vorauszusehn (der eine erhielt 27, der andre 32 Stimmen aus je 4–5000!). Kaum aber hatte H[yndman] das Torygeld, so schwoll ihm der Kamm mächtig, und er reiste nun sofort nach Birmingham zu Chamberlain, dem jetzigen Minister, und offerierte ihm seine „Unterstützung“ (die in ganz England keine 1000 Stimmen ausmachte), falls Ch[amberlain] ihm, dem H[yndman], einen Parlamentssitz in Birmingham mit Hilfe der Liberalen sichern und eine Achtstundenbill einbringen wolle. Ch[amberlain] ist kein Esel und wies ihm die Tür. Darüber, trotz aller Vertuschungsversuche, großer Radau in der Föderation und drohende Auflösung derselben. Jetzt mußte sich etwas geschehn, um die Sache wieder in Gang zu bringen.
Inzwischen stieg hier die Arbeitslosigkeit immer mehr. Der Zusammenbruch des englischen Weltmarktmonopols hat es fertiggebracht, daß die Krise seit 1878 ununterbrochen anhält und eher schlimmer als besser wird. Die Not, namentlich in Ostend der Stadt, ist schauderhaft. Der ungewöhnlich strenge Winter, seit Januar, daneben die grenzenlose Gleichgültigkeit der besitzenden Klassen, brachte größere Bewegung unter die arbeitlosen Massen. Wie immer wurde diese Bewegung von politischen Machern zu ihren Zwecken auszubeuten versucht. Die soeben von der Regierung verdrängten Konservativen schoben die Arbeitslosigkeit auf die fremde Konkurrenz (mit Recht) und die fremden Schutzzölle (großenteils mit Unrecht) und predigten „fair trade“, d.h. Kampfzölle. Es existiert auch eine Arbeiterorganisation, die vorwiegend an Kampfzölle glaubt. Diese berief das Meeting vom 8. ds. nach Trafalgar Square. Inzwischen war die Social Democratic Federation auch nicht faul gewesen, hatte schon im kleinen demonstriert und wollte nun dies Meeting benutzen. Es fanden also zwei Meetings statt, das der Kampfzöllner um die Nelsonsäule, während die Leute der Social Democratic Federation vom Nordend des Platzes, von der ca. 25 Fuß höheren Straße gegenüber der National Gallery herab sprachen. Kautsky war dort, ging weg, eh der Krawall begann, und erzählte mir, die Masse der eigentlichen Arbeiter sei bei den Kampfzöllnern gewesen, während Hyndman & Co. ein gemischtes, Ulk suchendes, teilweise bereits angeheitertes Publikum hatten. Wenn K[autsky] dies sah, der kaum ein Jahr hier ist, so mußten die Herren von der Föderation es noch besser sehn. Trotzdem aber setzten sie, als schon alles sich zu verlaufen schien, eine alte Lieblingsidee Hyndmans ins Werk, nämlich eine Prozession der „Arbeitslosen“ durch Pall Mall, die Straße der großen politischen, aristokratischen und hochkapitalistischen Klubs, der Zentren der politischen Intrigue von England. Die Arbeitslosen, die ihnen folgten, um ein neues Meeting im Hyde Park zu halten, waren meist solche, die überhaupt keine Arbeit wollen, Höker, Bummler, Polizeispione, Spitzbuben. Verhöhnt von den Aristokraten an den Klubfenstern, warfen sie diese letzteren ein, ditto Ladenfenster, plünderten Weinhandlungen, um den Konsumverein dafür sofort auf der Straße zu etablieren, so daß Hyndman & Co. im Hyde Park ihre blutrünstigen Redensarten sofort einstecken und abwiegelten. Aber die Sache war im Gang. Während des Zugs, während dieses zweiten kleinen Meetings und nachher wälzten sich die von Hyndman für Arbeitslose gehaltenen Massen des Lumpenproletariats durch einige anstoßende feine Straßen, plünderten Juwelier- und andre Läden, benutzten die Brote und Hammelkeulen, die sie geplündert, lediglich zum Fenstereinwerfen und verliefen sich, ohne Widerstand zu finden. Nur ein Rest wurde in Oxford Street durch vier, sage vier Polizisten zersprengt.
Die Polizei war sonst nirgends zu sehn, und so auffällig abwesend, daß nicht nur wir an Absicht glauben mußten. Die Chefs der Polizei scheinen Konservative zu sein und ein bißchen Krawall in dieser Zeit liberaler Regierung nicht ungern gesehn zu haben. Die Regierung hat aber sofort eine Untersuchungskommission eingesetzt, und es kann mehr als einen der Herren seinen Platz kosten.
Daneben ist denn auch eine sehr lahme Verfolgung gegen Hyndman & Co. eingeleitet worden, die ganz so aussieht, als wolle man sie im Sand verlaufen lassen, obwohl das englische Gesetz sehr scharfe Mittel bietet, sobald auf aufregende Reden wirkliche Tathandlungen gefolgt sind. Die Herren haben allerdings viel von sozialer Revolution geflunkert, was gegenüber diesem Publikum und in Abwesenheit jedes organisierten Rückhalts in den Massen reiner Blödsinn war; ich kann aber kaum glauben, daß die Regierung so dumm ist, sie zu Märtyrern machen zu wollen. Diese Herren Sozialisten wollen mit Gewalt eine Bewegung über Nacht hervorzaubern, die notwendig hier wie anderswo jahrelange Arbeit erfordert, und wenn sie auch, einmal im Gang und den Massen durch die historischen Ereignisse aufgezwungen, hier weit rascher gehn wird als auf dem Kontinent. Aber Leute wie jene können nicht warten und begehn daher solche Kindereien, wie wir sie sonst nur bei den Anarchisten gewohnt sind.
Der Schrecken beim Philister dauerte vier Tage und hat sich endlich gelegt. Er hat das Gute gehabt, daß die Not, die von den Liberalen einfach weggeleugnet und von den Konservativen nur zu ihren Zwecken auszubeuten versucht wurde, jetzt anerkannt wird, und man sieht, daß wenigstens zum Schein etwas geschehn muß. Aber der vom Lord Mayor3 eröffnete Subskriptionsfonds betrug bis Samstag kaum 20000 Pfd. St. und reicht, für alle Brotlose berechnet, kaum auf 2 Tage! Soviel ist aber wieder bewiesen: die besitzenden Klassen sind gleichgültig gegen alles Massenelend, bis ihnen Angst eingejagt wird, und ich bin noch nicht sicher, daß sie nicht noch etwas mehr Schrecken nötig haben.
Nun zu Frankreich. Hier hat sich vorige Woche eine Geschichte zugetragen, die Epoche macht: die Konstituierung einer Arbeiterpartei in der Kammer. Es sind nur drei Mann, dazu noch zwei Radikale, aber der Anfang ist da, und die Scheidung ist komplett.
Basly (gesprochen Bali), Bergarbeiter und später Wirt (weil gemaßregelt) aus Anzin, hat die Massakrierung des infamen Minenverwalters Watrin in Decazeville an Ort und Stelle untersucht. Bei seiner Rückkehr erstattete er zuerst einem großen Meeting am 7. in Paris Bericht, wobei die Radikalen der Kammer schlecht wegkamen. Am Donnerstag4 interpellierte er das Ministerium in der Kammer in einer ganz famosen Rede.
Die ganze äußerste Linke ließ ihn im Stich. Nur die beiden andern Arbeiter, Boyer (aus Marseille, Ex-Anarchist) und Camélinat (Ex-Proudhonist, Kommuneflüchtling), traten für ihn auf, sonst applaudierten noch Clovis Hugues und Planteau, die andern äußersten Radikalen waren wie vom Donner gelähmt bei diesem ersten kühnen selbständigen Auftreten des französischen Proletariats in der Kammer.
(Unter uns steht Basly ganz unter dem Einfluß unsrer Leute, Lafargue, Guesde etc., deren theoretischen Rat er sehr bedarf und gern akzeptiert.)
Ich schicke Dir den „Cri du Peuple“ mit dem ausführlichen Bericht dieser historischen Sitzung und bitte Dich, ihn zu studieren. Es ist der Mühe wert. Die Gegenkontrolle über die Wichtigkeit dieses Bruchs erhielt ich durch Longuet, der grade herkam und als Freund und Mitredakteur von Clemenceau sich ziemlich mißliebig über dies unparlamentarisches Betragen der Arbeiter aussprach.
Jetzt haben wir also auch in Paris Leute im Parlament, und ich freue mich nicht nur wegen der Franzosen, denen dies enorm rasch voranhelfen wird, sondern auch wegen unsrer Fraktion, die in der Kühnheit des Auftretens stellenweise noch manches von jenen lernen kann, jetzt hat man doch auch auswärtige Beispiele, die man den Angstmeiern und Schwachmatikern vorhalten kann.
Das Schönste ist, die Leute waren von den Radikalen vorgeschlagen in der Hoffnung, man werde sie einseifen, und jetzt haben sie das Nachsehn. Auch ich war wegen Camélinat sehr im Zweifel als altem Proudhonisten, aber für ihn sprach, daß er als Flüchtling hier sich sofort in Birmingham Arbeit suchte (er ist einer der besten Ziseleure) und alle Flüchtlingspolitik laufen ließ.
Postschluß.
Dein
F. E.