206
Engels an August Bebel
in Berlin

London, 17.Nov. 85

Lieber Bebel,

Noch ein paar Worte, eh Du in den Reichstag gehst.
Schumacher habe ich auf einen langen Brief zur Verteidigung seiner Haltung bei der Dampfersubvention ebenso ausführlich geantwortet und meinen alten Standpunkt ihm gegenüber festgehalten: Will man, um angebliche Vorurteile gewisser Wähler zu schonen, nicht unbedingt gegen Staatshülfe aus der Tasche der Arbeiter und Bauern für die Bourgeoisie stimmen, so kann man das meiner Ansicht nach nur dann, wenn die gleiche Summe Staatshülfe direkt für Arbeiter, städtische wie ländliche, bewilligt wird – vornehmlich für Landarbeitergenossenschaften auf Staatsdomänen.
Um Mißverständnisse zu vermeiden, habe ich ihn gebeten, falls er von diesem Brief andern Genossen gegenüber Gebrauch macht, stets den ganzen Brief mitzuteilen.

L[i]ebkn[echt] kommt ja auf einmal ganz tapfer in den Vordergrund. Die „Sammlung“ im Gefängnis, die Lektüre des halbvergeßnen „Kapital“ und die ihm von rechts her klarwerdende Aussicht, sich zwischen zwei Stühle zu setzen, scheinen äußerst nützlich gewirkt zu haben. Mich freut das sehr, wenn’s nur dauert. Er wird im entscheidenden Moment sicher auf dem rechten Fleck sein, bis es dahin kommt, macht er aber uns andern schauerliche Mühsal mit seiner Vertuschung, die er für Diplomatie hält, und worin er allerdings uns allen weit überlegen ist.

Der europäische Krieg fängt an, uns ernstlich zu drohen. Diese elenden Trümmerstücke ehemaliger Nationen, Serben, Bulgaren, Griechen und andres Räubergesindel, für die der liberale Philister im Interesse der Russen schwärmt, gönnen also einander die Luft nicht, die sie einatmen, und müssen sich untereinander die gierigen Hälse abschneiden. Das wäre wunderschön und geschäh dem nationalitätenschwärmenden Philister recht, wenn nicht jeder dieser Zwergstämme über europäischen Krieg oder Frieden disponierte. Der erste Schuß ist bei Dragoman gefallen, aber wo und wann der letzte fallen wird, kann keiner sagen.

Unsre Bewegung geht so schön voran, überall und überall arbeiten ihr die Verhältnisse so in die Hände, und endlich haben wir auch noch einige Jahre ruhiger Entwicklung und Stärkung so nötig, daß wir einen großen politischen Krach unmöglich wünschen können. Er würde unsre Bewegung auf Jahre lang in den Hintergrund drängen, und nachher müßten wir wahrscheinlich, wie nach 1850, ganz spät wieder von vorn anfangen.

Andererseits könnte der Krieg eine Revolution in Paris hervorrufen und diese später indirekt die Bewegung im übrigen Europa wieder anfachen, dann wären die – unter den Umständen sicher arg chauvinistischen – Franzosen die Führer, wozu ihr theoretischer Entwicklungsgrad sie am wenigsten befähigt. Grade für die seit 1871 sich politisch mit der ihnen eignen, unbewußten logischen Konsequenz sehr gut fortentwickelnden Franzosen wären ein paar Jahre ruhiger Herrschaft der Radikalen unbezahlbar. Denn diese Radikalen haben alle den landläufigen, aus L. Blanc, Proudhon etc. zusammengewürfelten Durchschnittssozialismus sich zu eigen gemacht, und es wäre für uns von enormem Wert, wenn sie Gelegenheit erhielten, diese Phrasen durch die Praxis totzumachen.

Dagegen wird ein großer Krieg, wenn er ausbricht, sechs Millionen Soldaten ins Feld führen und eine bisher ganz unerhörte Masse Geld kosten. Das gibt ein Blutvergießen und eine Verwüstung und schließlich eine Ermattung wie nie vorher. Darum haben auch die Herren alle eine solche Angst davor. Und das kann man vorhersagen, kommt dieser Krieg, so ist er der letzte; er ist der vollständige Zusammenbruch des Klassenstaats, politisch, militärisch, ökonomisch (auch finanziell) und moralisch. Er kann dahin führen, daß die Kriegsmaschine rebellisch wird und sich weigert, wegen der lausigen Balkanvölker fernerhin sich untereinander abzuschlachten. Es ist der Ruf des Klassenstaats: après nous le déluge1; aber nach der Sündflut kommen wir und nur wir.

Es bleibt also beim alten: was auch passieren möge, es schlägt schließlich aus in ein Mittel, unsre Partei zur Herrschaft zu bringen und dem ganzen alten Schwindel ein Ende zu machen. Aber ich gestehe, ich wünsche, daß es auch ohne diese Mörderei abgeht; nötig ist sie nicht. Wenn’s aber sein muß, dann will ich nur hoffen, daß mein alter Leibschaden mich im richtigen Moment nicht hindert, wieder aufs Pferd zu steigen.

Dein alter
F. E.